Monat: August 2026

Auf einen Kaffee …

mit Katrin Meyberg

Ein Gespräch über das Untertiteln aus dem Chinesischen


Katrin Meyberg lebt in Berlin und ist seit 2005 als audiovisuelle Übersetzerin mit den Arbeitssprachen Englisch, Französisch und Chinesisch tätig. Ihre Arbeit umfasst die Gewerke OmU-Untertitel, Voiceover-Übersetzung, Übersetzung für Synchron sowie Audiodeskription. Zudem erstellt und fährt sie Übertitel für Theaterhäuser in Berlin. Mit der Schaubühne und dem Berliner Ensemble war sie im Oktober 2024 als Übertitlerin in Taiwan. Im Mai 2026 hat sie das Berliner Ensemble erneut bei deren Gastspiel nach Taipeh begleitet. Katrin ist seit 2017 AVÜ-Mitglied und war vier Jahre lang Teil des Vorstands.

Wie bist du zum audiovisuellen Übersetzen gekommen?

Ich habe eigentlich schon in meinem Studium damit angefangen. Ich habe Sprachen studiert: Anglistik-Amerikanistik an der Humboldt-Universität im Hauptfach und im Nebenfach Französisch und Europäische Ethnologie. 2002 habe ich ein Praktikum gemacht, bei Alias Film in Charlottenburg. Das war super. Ich habe natürlich am Anfang auch Kaffee gekocht und gelernt, wie man den perfekten Milchschaum macht und das Archiv aufgeräumt und so. Aber es war eine tolle Erfahrung. Das Büro war in einer riesigen Charlottenburger Altbauwohnung mit fünf Meter hohen Decken und alten Kaminen. Und die Leute waren nett. Da gingen auch Filmemacher ein und aus, das war beeindruckend als damals Anfang 20-Jährige. Zunächst habe ich kleinere Sachen gemacht. Ich musste zum Beispiel VHS-Kassetten verschicken, zu Arte nach Straßburg. Damals lief alles über DigiBetas und VHS. Wir hatten riesige Maschinen zum Untertiteln, die an DOS-Rechner angeschlossen waren. Man hatte einen super Sound und konnte nichts falsch machen, es war alles schön manuell. Das Tolle war: Es gab dort eine angestellte Untertitlerin, und der durfte ich über die Schulter gucken. Sie hat mich auch immer gefragt, was ich denke und wie ich kürzen würde. Irgendwann hat sie mir die Funktionen gezeigt. Die waren relativ einfach zu lernen, weil es nicht so viele gab. Das war super, weil man sich auf das Wesentliche konzentrieren konnte. Ich hab also während dieses Praktikums das Untertiteln gelernt. Und nach dem Praktikum wollte die Kollegin gerne, dass ich weitermache, ihr ein bisschen zur Hand gehe, weil sie einfach viel zu tun hatte.

Hattest du dich bewusst für ein Praktikum dort entschieden, weil das was mit Film zu tun hatte, oder war das Zufall?

Das war Zufall. Die Firma gehörte der Tante meiner Freundin Janna [Anm.: AVÜ-Mitglied Janna Düringer], und wenn irgendwie Not am Mann war, half sie dort ein bisschen neben dem Studium aus. Irgendwann meinte sie: „Katrin, mach du das doch“. Zumal sie auch nicht aus dem Französischen übersetzt, und die hatten oft französische Projekte, weil sie viel für Arte gearbeitet haben. Es war also wirklich Zufall – ein glücklicher Zufall. Dann war aber geplant, dass ich nach meinem Grundstudium ein Jahr ins Ausland gehe. Ich bin dann nach Straßburg gegangen, ausgerechnet. Und als ich zurückkam, haben sie mir nach und nach eigene Aufträge gegeben.

Hast du da frei gearbeitet, oder warst du angestellt?

Frei, ich war dort nie angestellt. Es war schon nett da. Einmal kam beispielsweise Valeska Grisebach mit einem deutschen Film, der englische Untertitel brauchte. Ich sollte mit ihr, glaube ich, die Abnahme machen, gemeinsam mit einem englischen Kollegen. Und dann stellte sich heraus: Sie hatte im Dorf meiner Oma gedreht! Sie hatte viel mit Laiendarstellern gearbeitet, und meine Tante war in dem Film …

Nein! Dann siehst du da plötzlich deine Verwandtschaft?

Das Personal meiner Kindheit tauchte auf dem Bildschirm auf! Und sie meinte so: „Ach, das ist ja auch eine ganz schöne Frau.“ – „Das ist meine Oma!“ Und meine Tante stand da an so einer Kaffeetafel mit einer Flasche Sprühsahne. Es war total absurd. Lange habe ich fast ausschließlich für diese Firma übersetzt und untertitelt.

War für dich da auch schon klar, dass du nach deinem Studienabschluss deinen Nebenjob zum Hauptjob machen möchtest? Oder hast du gedacht: Na ja, mal gucken?

Ja, eigentlich schon. Ich habe das total gerne gemacht. Natürlich habe ich gemerkt: Also, so gut verdient man damit nicht, und manchmal gibt es Flauten. Aber ich war eigentlich ganz gut angebunden. Und ich konnte mir auch nicht so richtig was anderes vorstellen. Manchmal dachte ich schon: Ach, das ist jetzt aber auch ein bisschen bequem. Jetzt bleibe ich hier und mache nichts anderes, und irgendwas entgeht mir vielleicht. Aber irgendwie war das voll meins, es hat total gepasst. Nach dem Studium habe ich dann ein Jahr voll gearbeitet. Und dann dachte ich: Okay, jetzt bin ich Ende 20, vielleicht muss ich doch noch was anderes machen. Und ich wollte nochmal ins Ausland. Das war aber alles ein bisschen unspezifisch. Dann habe ich eine Freundin in Taiwan besucht, die Sinologin ist und dort studiert hat. Und ich war total geflasht von Taiwan und von Taipeh. Dann habe ich Leute kennengelernt, die dort Chinesisch gelernt haben und erfahren, dass es Stipendien gibt, die Taiwan an Ausländer vergibt, die dort für ein Jahr Chinesisch lernen, und denen auch noch genug Taschengeld gibt, dass sie da ganz gut leben können. Und dann habe ich mir das in den Kopf gesetzt, bin zurückgeflogen und dachte: Okay, jetzt bewerbe ich mich da auch. Aber diese Stipendien waren vor allem für Amerikaner, weil die USA mit Taiwan damals viel engere politische Beziehungen pflegten, und für Deutschland gab es genau zwei Plätze. Von denen ich keinen bekommen habe. Ich war ziemlich enttäuscht, aber dann dachte ich: Egal, ich mache es trotzdem. Und dann habe ich mich dort an der Uni für ein Sprachprogramm eingeschrieben, einen Intensivkurs, der über mehrere Monate ging. Und dann war ich da, an der großen Uni in Taipeh mit dem schönen Campus und habe jeden Tag drei, vier Stunden Chinesisch gehabt.

Und wie lange warst du dann in Taiwan?

Neun Monate insgesamt. Ich hatte mir ein halbes Jahr vorgenommen, aber es war so eine tolle Zeit, ich habe so nette Menschen kennengelernt. Nach neun Monaten ging mir die Kohle aus. Und da war auch die Überlegung: Ich kann jetzt hier nicht einfach immer nur ewig Chinesisch lernen, ich muss ja auch irgendwie arbeiten. Und dann bin ich ein bisschen geplättet wieder abgereist und hab echt geheult im Flugzeug. Ich glaube, ich habe noch nie etwas gemacht, bei dem ich innerlich so angetrieben war. Ich wollte das so unbedingt. Nach meiner Rückkehr hab ich relativ schnell entschieden: Ich muss wieder zurück. Ich habe dann das inzwischen eingeführte Work-and-Travel-Visum erhalten, für ein Jahr, und mich erst einmal wieder an der Uni eingeschrieben. Und dann habe ich eine Stelle gefunden, als Übersetzerin aus dem Englischen ins Deutsche bei einer großen Gaming-Firma. Inhaltlich war das zwar nicht so meins, aber uns ging es da ziemlich gut, und ich hatte die feste Stelle, die ich brauchte, um in Taiwan bleiben zu können. Das habe ich dann ein paar Jahre gemacht.

Wie lange warst du dann nochmal da?

Ich war dann nochmal drei Jahre in Taipeh. Es waren insgesamt also fast vier mit der ersten Zeit als Studentin.

Bist du dann zurückgekehrt mit der Überlegung im Hinterkopf: Ich habe jetzt noch eine dritte Sprache, also Chinesisch, die ich als audiovisuelle Übersetzerin anbieten kann?

Erst war ich noch in Hongkong. Ich hatte in Taiwan meinen Freund kennengelernt, der ist aus Hongkong. Und dann bin ich zu ihm gezogen und hab da noch ein Jahr gelebt. Dort habe ich ein bisschen Kantonesisch gelernt, aber das war schwer anzuwenden, weil dort viel mehr Leute Englisch sprechen als in Taiwan. In Hongkong habe ich dann eine Zeit lang transkribiert fürs Gericht, englische Zeugenprotokolle. Dadurch habe ich eine unglaubliche Toleranz entwickelt beim Abhören, auch wenn ich das nicht gerne mache. Nach einer Weile wusste ich, das ist kein Job, den ich mein Leben lang machen möchte. Und dann habe ich irgendwann überlegt: Okay, entweder bleibe ich in Asien, für immer, oder ich muss mal langsam darüber nachdenken, ob ich nicht zurück nach Berlin gehe. Für mich war eigentlich klar: In Hongkong kann man nicht leben ohne einen Business-Background, und den hatte ich absolut nicht und auch keine Ambitionen, mich da einzufinden.

Inwiefern unterscheidet sich deine Arbeitsweise, wenn du aus dem Chinesischen übersetzt im Vergleich zu Englisch oder Französisch? Hast du identische Arbeitsmaterialien? Bei Hindi-Projekten war es zum Beispiel lange so, dass Materialien fehlten, die man für englische Projekte bekommt. Eine Conti zum Beispiel. Man hatte dann irgendein Transkript, das aber nur bedingt mit den tatsächlichen Dialogen im Film übereinstimmte. Ist das bei chinesischen Filmen ähnlich?

Die Materiallage ist ähnlich, das kommt total drauf an, leider. Ich habe auch schon Filme zähneknirschend übersetzt, ohne dass ich ein Skript hatte.

Oh, du hast komplett abhören müssen?

Na ja, ich hatte vielleicht eine englische Untertitelliste oder so. Manchmal gibt es auch tatsächlich eine chinesische Untertitelliste. Aber oft habe ich irgendein Skript, bei dem dann ganz viel fehlt. An kritischen Stellen sind dann Lücken, weil die Person, die es abgehört hat, auch nicht weiterkam. Das liegt aber auch daran, dass Chinesisch unglaublich viele Varietäten hat, also Dialekte. China ist einfach ein Riesenland, und nicht alle sprechen Hochchinesisch, und schon gar nicht in den Filmen, die bei mir landen. Das sind oft Festivalfilme, kleine Filme, deren Besonderheit ist, dass sie auf dem Land oder in einer ganz bestimmten Region spielen. Ich habe also deswegen oft kein Hochchinesisch vor mir, und dann ist es natürlich besonders heikel, wenn das Skript nicht gut ist. Bevor ich einen Auftrag annehme, sage ich auch immer an, dass ich erst in den Film reinschauen muss, ob ich das überhaupt verstehen kann, und dass ich ein Transkript brauche.

Neulich habe ich einen taiwanischen Dokumentarfilm untertitelt, in dem ein Protagonist einen Sprachfehler hatte, und bei Dokumentarfilmen ist die Materiallage ja meist noch schwieriger. Da musste ich mich ganz lange reinhören. Das ist wirklich nicht einfach. Solche Sachen halten mich regelmäßig auf.

Und was sind die besonderen sprachlichen Herausforderungen?

Die Sprache ist einfach sehr kontextuell, und das ist der Unterschied zum Englischen und Französischen. Es gibt oft kein Subjekt in einem Satz. Da muss ich erst mal überlegen, wer spricht, oder wer ist angesprochen? Gerade, wenn eh schon unklar ist, wer da mit wem redet, wird es schwierig. Die Höflichkeitsformen und Anreden sind natürlich ganz anders. Dann gibt es eben auch Sachen, die man eigentlich vermeiden möchte. Ich will nicht jedes Mal „Bruder Wang“ schreiben, auch wenn das der Bruder ist, oder „Meister sowieso“. Das ist aber erst mal auch wichtig, um ein Verhältnis klarzustellen. Da muss man also abwägen, denn im Deutschen gibt es Siezen und Duzen. Im Chinesischen gibt es auch eine Form für ein höfliches Sie, die wird aber eher selten verwendet. Das drückt sich dann eben anders aus, durch bestimmte Floskeln zum Beispiel. Und dann gibt es viele Homophone, also viele Worte, die gleich klingen, aber etwas ganz anderes bedeuten. Und es gibt Zeichen, die wiederum je nach Kontext unterschiedlich ausgesprochen werden und dann auch unterschiedliche Sachen meinen. Dieses Kontextuelle ist beim Chinesischen die große Schwierigkeit.

Und wenn dann noch dazukommt, dass du abhören musst oder ein unvollständiges Skript hast … Also eigentlich bräuchtest du mehr Material als bei einem …

Genau. Und auch mehr Zeit.

Ja!

Und mehr Geld.

Das auch! Kriegst du denn für einen chinesischen Film mehr Zeit als für einen englischen oder französischen?

Nein, nicht per se. Das kommt immer drauf an. Wenn der Film für ein Festival ist, ist die Zeit immer knapp. Also nein, eigentlich nicht. Wenn ich Glück habe, werden die Sachen relativ früh angekündigt. Aber bei den letzten Filmen, die ich gemacht habe, war die Zeit immer relativ knapp. Und für „Monster Hunt 2“ zum Beispiel habe ich damals zehn Tage Zeit gehabt, vom Erhalten des Bilds bis zur Ablieferung. Und das war … sportlich.

Über diesen Film würde ich gerne noch kurz mit dir sprechen. Ich hab ihn mit einer Kollegin auf der Berlinale gesehen, ich glaube, das war 2018. Ich wusste überhaupt nicht, was mich da erwartet und bin vor allem reingegangen, weil ich ein großer Tony Leung-Fan bin. Und wir sind fast vom Stuhl gefallen vor Lachen. Der Film ist ja so eine überdrehte Fantasy-Komödie, und Humor ist grundsätzlich tricky zu übersetzen. Beim Untertiteln muss man zudem noch kürzen und kondensieren. Und dann gibt es ja einfach auch kulturspezifischen Humor, der manchmal nicht gut übertragbar ist oder nur so bedingt funktioniert. Erinnerst du dich daran, wie du an diesen Film herangegangen bist, damit es für ein deutsches Publikum Sinn macht UND lustig ist?

Der Film war unglaublich schnell geschnitten. Ich habe erst auch total kurze Untertitel gemacht, um nicht ständig über den Schnitt zu titeln. Ich weiß noch, dass es nachher im Lektorat hieß: „Wir müssen da längere Einheiten draus machen.“ Ich war damit echt überfordert, weil die meisten Filme für Festivals ja oft auch eher lange Einstellungen haben. Bei chinesischen Filmen hatte ich noch nicht so oft das Problem, dass sie flott geschnitten sind. Und jeder Satz ein Treffer sein muss. Das war nicht einfach. Und der Humor funktioniert im Chinesischen oft auch über so kurze Sprüche, sogenannte Chengyus. Das sind Redewendungen, die aus vier Zeichen bestehen und eine tiefe Bedeutung haben, die man aber unmöglich in der Kürze der Zeit, die ein Untertitel stehen kann, übersetzen kann. Die sind allgemein bekannt und werden ständig benutzt, auch im Alltag, und dieser Film war voll davon. Und dann gab es diesen Sprachwitz, dass zwei Zeichen, die gleich klingen, aber unterschiedlich geschrieben werden und unterschiedliche Bedeutungen haben, ausgetauscht werden, um einen Witz zu erzeugen. Manchmal muss man natürlich einfach darüber hinweggehen und an anderer Stelle witzig sein, oder zumindest versuchen, diesen Slapstick-Humor zu vermitteln. Dann gab es so eine Fußballszene, da musste ich mir dann Fußballsachen draufschaffen…

Kurzpass!“

Genau! Hier ein Pass und da noch irgendwas, und ich bin überhaupt keine Fußballerin. Beim Chinesischen muss man zudem immer viel kürzen. Es wird ein Satz gesagt, aber im Deutschen ist nur Zeit für ein Wort. Bei „Monster Hunt 2“ war das extrem schwer, weil kein Platz da war, dieses Schnelle und Prägnante hinzubekommen und dabei irgendwie witzig zu sein. Ich glaube, man muss sich oft wirklich sehr weit weg vom Original entfernen und versuchen, so eine situative Komik anders einzufangen. Natürlich wälze ich mich erst durch die Originaltexte, um zu gucken, was da genau gemeint ist. Und wenn ich nicht auf Anhieb eine Übersetzung finde und weiß, ich muss hier ganz tief reingehen, dann ist das meistens schon ein Zeichen dafür, dass ich dafür in den Untertiteln keinen Platz haben werde und mir was anderes überlegen muss. Einerseits ist das dann weiter weg vom Original, andererseits ist das aber gerade wichtig beim Chinesischen, damit man nicht so eine wahnsinnig metapherlastige, blumige Sprache transportiert, die im Deutschen nicht funktioniert. Und das ist für mich, glaube ich, immer der Anspruch.

Brauchst du, wenn du einen chinesischen Film untertitelst, mehr Durchgänge? Um einen Abstand zu bekommen, dann nochmal reinzugehen und zu merken, okay, hier muss ich doch freier werden?

Genau. Das ist genau der Grund, warum es länger dauert. Und ich halte dann auch mehr Rücksprache. In so einer Situation suche ich mir auf jeden Fall muttersprachliche Hilfe. Das habe ich bei Englisch und Französisch viel, viel weniger. Da gibt es das auch mal, aber da ist es einfach kulturell nicht so, dass ich denke: Oh, hier könnte ich richtig danebenliegen. Gerade in einem Film wie „Monster Hunt 2“ gibt es ja auch diese Mythen, diese chinesischen Legenden, die Philosophie, das spielt alles im Hintergrund mit. Das hat alles eine Bedeutung. Das kann ich natürlich nicht ausbreiten, aber bei einem Chinesen, der den Film sieht, läuft dieser ganze Hintergrund mit. Und das ist ja beim deutschen Publikum anders. Und das heißt dann, der Film wird anders rezipiert, aber das ist dann so. Ich kann ja keine Fußnoten machen. Das so zu abstrahieren, zu wissen, „okay, diese Figur muss ich irgendwie reinbringen“, oder „der muss zumindest immer noch so heißen, weil das ein literarischer Bezug ist“ – das ist ein wichtiger Teil der Übersetzungsarbeit. Namen sind auch nochmal eine andere, eigene Schwierigkeit im Chinesischen. Wegen all dieser Herausforderungen habe ich auch bei jedem Film, der mir angeboten wird, einen Riesenrespekt und gucke ihn mir erstmal ganz genau an. Und ich versuche, mir jedes Mal darüber klarzuwerden, worauf ich mich einlasse. Manchmal liegt man auch daneben, und dann kämpft man halt mehr. Ich habe auch eine gute Kollegin, mit der ich gerne zusammenarbeite, eine Chinesin. In einen Austausch zu gehen, ist dann unglaublich wertvoll. Aber die Zeit muss man eben auch haben, und das ist ja manchmal das Problem.

Die Frage ist auch: Wird das extra bezahlt?

Eigentlich nehme ich das meistens auf meine Kappe. Es ist schwierig, das nochmal beim Kunden anzumelden, wenn es am Ende irgendwie hakt. In solche Projekte fließt eben viel Herzblut. Und trotzdem mache ich sie einfach total gerne. Man wächst auch unglaublich an diesen Filmen.

Kommen wir schon zur letzten Frage, die nach deinem Lieblingsprojekt. Du musst nichts Chinesisches nennen. Einfach irgendwas, an dem du besonders gern gearbeitet hast.

Der Film „Cooking Up Democracy“ von Monika Treut über die Demokratie Taiwans – der wird dieses Jahr bestimmt ins Kino kommen – hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Das liegt natürlich an meiner Schwäche und Nostalgie für Taiwan. Da hänge ich immer noch dran, obwohl es jetzt schon lange her ist, dass ich dort gelebt habe. Aber sobald mir ein taiwanischer Film angeboten wird, bin ich immer Feuer und Flamme. Die Filmemacherin versucht wirklich zu begreifen, wie die Menschen in Taiwan ticken, wenn es auch gerade trotz ihrer politischen Situation darum geht, die Demokratie zu stärken. Sie sind so unter Druck in Bezug auf China und dem ganzen geopolitischen Schlamassel, in dem sie stecken. Und sie hat ganz tolle Protagonist*innen, denen sie viel Raum gibt. Sie hat wunderbar eingefangen, wie es für die Leute vor Ort möglich ist, unter der Bedrohung ein normales Leben zu führen und wie sie einen Umgang damit finden, wie lebendig dort Demokratie gelebt wird, trotz allem.


Das Gespräch führte Sonja Majumder

Auf einen Kaffee …


mit Katrin Posse


Ein Gespräch über Voiceover-Adaption und -Regie


Katrin Posse hat in Bochum Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert, mit den Nebenfächern Slavistik und osteuropäische Geschichte. Sie ist seit 2013 Voiceover-Adapteurin und übersetzt aus dem Englischen ins Deutsche, seit 2022 schreibt sie auch Synchronbücher. Sie ist außerdem Teil der „KinoEulen“, einem Zwei-Frauen-Team, das seit 2015 regelmäßig internationale Kurzfilmprogramme für Kinder ab 4 Jahren im Kino und als Schul- und Kita-Vorstellung zusammenstellt. Katrin ist seit 2016 AVÜ-Mitglied und lebt in Essen.

Wie bist du zum audiovisuellen Übersetzen gekommen?

Über Kontakte. Ich bin komplette Quereinsteigerin. Ich übersetze aus dem Englischen ins Deutsche, und ich habe noch nicht mal Englisch studiert. Ich war aber schon immer ein Fan von Fantasy-Literatur. Und weil ich keine Lust hatte, bei mehrteiligen Werken auf die deutsche Übersetzung des nächsten Bandes zu warten, habe ich ab der siebten oder achten Klasse angefangen, englische Bücher zu lesen. Plus, ich war dann sehr nerdig und mit 15, 16 extrem großer Monty-Python-Fan. Und ich war schon immer sprachinteressiert.

Bei einem Hindi-Kurs in Hamburg habe ich Gaby Gehlen kennengelernt, die Gründungsmitglied des AVÜ ist und ja viele von uns unter die Fittiche genommen hat. Und sie meinte, ich wäre doch gut mit Sprachen und ob ich nicht auch Lust hätte auf das Filmübersetzen. Dazu kam, dass sie von einem kleinen Kölner Studio große Voiceover-Paketaufträge für ganze Dokuserien bekommen hatte. Um das kurzfristig abarbeiten zu können, hat sie ein Team gegründet aus Leuten, die sie kannte. Und da hat sie mich dann dazugenommen. Sie hat dann, glaube ich, die ersten zwei, drei Sachen von mir lektoriert. Ziemlich streng, was völlig okay war, denn ich hatte ja keine Ahnung.

Ich war zu dem Zeitpunkt eh dabei, mich umzuorientieren. Und dann kam erst Gaby um die Ecke, und dann hab ich über den Freund eines Freundes einen Job bei der Deutschen Bahn (Netz AG) im Einwendungsmanagement bekommen. Und dann habe ich beides parallel angefangen. Ich habe in Teilzeit bei der Bahn gearbeitet, was ich auch total spannend fand, und in der anderen Zeit audiovisuelle Übersetzungen gemacht. Bei der Bahn habe ich fünf Jahre gearbeitet, dann habe ich mich wegbeworben, tatsächlich zu diesem kleinen Kölner Studio. Und dort habe ich dann anderthalb Jahre gearbeitet.

Also bei dem Kölner Studio, für das du deine ersten Projekte gemacht hast?

Ja. In der Zeit, als ich bei der Bahn angestellt war, habe ich praktisch nur für diesen Kunden gearbeitet. Dort habe ich mich also hinbeworben und dann sowohl übersetzt als auch redaktionell gearbeitet, und ich war im direkten Kontakt mit den Auftraggebern des Studios, mit den Fernsehsendern. Irgendwann kam dann Corona, ich wurde entlassen und habe mich selbstständig gemacht. Seitdem bin ich freiberufliche audiovisuelle Übersetzerin in Vollzeit. Ich habe einen Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit bekommen, den ich sehr empfehle. Und das Erste, was ich dann gemacht habe, war natürlich auf Akquise gehen.

Kommen wir nun zum Voiceover. Wie würdest du Voiceover, also das Gewerk, kurz und knapp beschreiben?

Wenn ich Leuten, die nichts mit der audiovisuellen Welt zu tun haben, meinen Job als audiovisuelle Übersetzerin für Voiceover beschreibe, dann sage ich: „Ihr kennt das aus dem Fernsehen. Das ist, wenn bei Dokus die Leute auf Deutsch so drüber sprechen.“ – „Oh ja, das habe ich schon gehört. Und du sprichst das ein?“ – „Nein, ich spreche das nicht ein. Ich schreibe den Text, den dann Sprecher einsprechen.“ Und wenn noch ein bisschen Zeit ist, dann sage ich noch dazu, dass ich als Arbeitsmaterial sowohl das Video als auch den Text kriege, da die Leute oft denken, dass ich den abhören muss.

Das wäre meine nächste Frage gewesen. Wie sieht es aus mit Arbeitsmaterial? Also du kriegst immer ein Skript. Und natürlich das Bild.

Ja. Es gibt allerdings noch mehr. Beim Voiceover kann der Arbeitsumfang sehr unterschiedlich sein. Auf jeden Fall gehört die Übersetzung der Inserts mit dazu, also der im Bild als Text eingeblendeten Orts-, Zeit- oder Berufsangaben oder sonstige Infos. Wie zum Beispiel „Tempelanlage von Karnak, 1350 v. Chr.“ oder „Dr. Angela Smith, Archäologin, Universität Leiden“. Die Kunden wollen außerdem meist eine Synopse haben, also einen Pressetext. Und manchmal mache ich Bildunterschriften für Pressebilder. Manchmal kriegst du noch Tabellen mit Angaben für den Abspann. Aber für die eigentliche Arbeit brauche ich nur Skript und Bild.

Und wie gehst du vor, also wie ist der Arbeitsprozess? Irgendwie muss man ja schauen, dass der Text auf das Original passt. Zählst du da Silben, oder sprichst du drüber?

Ich spreche drüber, immer. Wenn etwas zu lang ist, und ich mir im Kopf eine Alternative überlege, dann zähle ich manchmal die Silben. Meine Kunden kriegen in den allermeisten Fällen ein deutsches Skript in Tabellenform von mir, entweder eine Excel- oder eine Word-Datei. Denn der Text wird in kurze Takes unterteilt. Das mache ich meistens selber. Es gibt sicher auch Kunden, die einem Takes vorgeben, aber bei meinen Projekten mach ich das. Die Takes kriegen dann immer einen Anfangstimecode, damit man den Text dem Video zuordnen kann, wobei einige Kunden auch einen Endtimecode wollen. Die Regel beim Voiceover ist, dass du möglichst vorne und hinten den Originalton freistehen lassen solltest. Das heißt, der deutsche Text ist kürzer als das Original, damit du hinten und vorne Pi mal Daumen drei Worte hörst. Je nach Format geht das nicht immer. In der Tabelle steht neben dem Timecode der Sprecher oder die Rolle oder beides. Und dann kommt der deutsche Text, dann der englische Text und dann gibt es immer noch eine Möglichkeit für Anmerkungen, entweder mit einer zusätzlichen Spalte in der Tabelle oder mit Fuß- und Endnoten.

Das bekommt der Kunde also von mir geliefert. Plus den Pressetext und manchmal auch die Bildbeschreibungen. Ich hatte auch mal einen Kunden, der wollte, dass ich die Sprecher besetze. Im Vorfeld spricht man gegebenenfalls ab, was der Kunde genau will: Worauf legt er formal und stilistisch Wert?

Voiceover-Übersetzungen gibt es ja vor allem, wie du ja vorhin schon gesagt hast, bei dokumentarischen Formaten…

Ja, hauptsächlich sind das Dokumentarfilme und -serien, aber auch Reality-Formate.

Ah, stimmt. Und du machst beides?

Ja.

Ah, okay. Wie aufwendig ist die Recherchearbeit bei dokumentarischen Formaten?

Aufwendig. So würde ich das mal in einem Wort zusammenfassen. Das ist auch vom Kunden abhängig. Das Minimum ist, dass du die Zahlen, Daten, Fakten checkst. Nehmen wir eine True-Crime-Doku, in der es heißt: „Der Mann wurde am 26. August 1985 um 10 Uhr morgens ermordet“. Dann musst du gucken, ob du das irgendwo findest. Du kannst dann hinschreiben: „Ja, das Datum ist bestätigt, aber die Uhrzeit habe ich jetzt nicht gefunden.“ Das ist dann okay, aber du musst es anrecherchieren.

Du kannst dich also nicht auf das verlassen, was in der Doku behauptet wird?

Das ist unterschiedlich. Man bekommt ein Gefühl dafür. Wenn du eine Doku hast, bei der schon der erste Fakt falsch ist, dann gehen deine Alarmglocken an. Und natürlich musst du die Fachbegriffe recherchieren, du musst dich ins Thema einarbeiten. Ich habe Lieblingsthemen, und ich habe Hassthemen. Schlimm ist für mich alles, was mit Geologie zu tun hat. Ganz furchtbar. Aber wenn dann in der Doku irgendein Experte erklärt, wie Australien entstanden ist, musst du das natürlich korrekt wiedergeben. Und dazu musst du in Grundzügen verstehen, wie dieser Kontinent entstanden ist.

Das mit den Hassthemen kenne ich. Ich bin tendenziell schwach in Naturwissenschaften, ganz besonders in Physik. Ich hab mal eine Tierdoku bearbeitet, aber eigentlich ging es um Optik. Und ich bin so geschwommen, egal wie sehr ich die deutschen Begriffe recherchiert habe.

Ich erzähle gerne von einer meiner allerersten Dokus. Das war eine BBC-Doku namens „My Brother the Terrorist“, das ist jetzt schon Jahre her. Darin ging es um den Dschihad. Klar weiß ich, was der Dschihad ist, aber wie benutze ich das in einem Satz? Sag ich: „Ich kämpfe im Dschihad?“, „Ich ziehe in den Dschihad?“, und so weiter. Und seitdem erzähle ich immer, dass ich sicher auf irgendeiner Watchlist gelandet bin, weil ich das wie blöd gegoogelt habe.

Eigentlich habe ich Spaß an der Recherche, aber bei mir besteht oft die Gefahr, dass ich mich verzettle, weil ich mehr lese, als ich muss. Es gibt aber auch Fälle, wo die Recherche einfach überhandnimmt. Zum Beispiel bei Wissenschaftsdokus. Da können in einer Folge fünf verschiedene Themen vorkommen. Ich hatte mal eine, da ging es unter anderem um komische Quallen, Spatzen, die Fledermaushirne aßen und explodierende Felsen. Dann musst du für 45 Minuten fünf

verschiedenen Themen anrecherchieren. Oder bei historischen Projekten. Manchmal bin ich mindestens einen Tag lang nur mit Recherche beschäftigt. Ich habe gerade ein Dokument abgegeben, das 70 Fußnoten umfasst. Und die meisten Fußnoten bestehen aus mindestens zwei Links.

Krass! War es wenigstens inhaltlich interessant für dich?

Bei dem Projekt ging es um Alexander den Großen, das fand ich tatsächlich inhaltlich total spannend. Ich mache viel zu antiker oder ganz weit zurückliegender Geschichte, z.B. Ägypten. Bei diesen Themen ist die Recherche immer sehr aufwendig.

Und wird die Recherchezeit extra bezahlt? Wie wirst du überhaupt bezahlt? Per Zeichen? Per Zeile?

Ich werde pauschal bezahlt oder nach Minute. Und der Preis deckt dann alles ab. Das heißt, er beinhaltet auch die Übersetzung des PR-Materials und die Recherche. Und manchmal auch das Kürzen. Es gibt Kunden, die sagen: Die Folgen sind 50 Minuten lang, ich brauch 45. Überleg mal, wo du kürzen kannst.

Du sollst dir überlegen, wie die Kunden ihre Doku kürzen können, und das wird ebenfalls nicht extra bezahlt?

Nein, das ist immer pauschal mit abgedeckt. Aber der Pauschalpreis ist je nach Umfang der Arbeit auch mal höher oder niedriger.

Und wird der Text, den du ablieferst, nochmal überarbeitet, oder kommt der dann genau so in die Doku?

Das ist unterschiedlich. Meine Auftraggeber sind nicht die Fernsehsender oder die Streamingdienste, sondern die Studios oder Synchronfirmen, die in deren Auftrag deutsche Fassungen erstellen. Und dort wird der Text in den allermeisten Fällen nochmal gegengelesen, bevor es in die Aufnahme geht. Ich weiß von Projekten, da sind auch Redakteure zwischengeschaltet. Und da ich als Quereinsteigerin in einem Team angefangen habe und auch so angelernt wurde, arbeite ich oft in einem Kreis von Kolleginnen, die sich gegenseitig lektorieren. Das ist unbezahlt. Manche finden das unnötig, aber ich habe das so gelernt und fühle mich ganz komisch, wenn ich meine Texte abgebe, und es hat vorher niemand mehr drübergeguckt. Und es macht auch Spaß. Ich finde, der Beruf ist sonst eher einsam. Ich weiß, es gibt viele Kollegen, die lieben es, völlig allein zu arbeiten, aber so ticke ich nicht. Ich brauche auch mal den Austausch und will dann jemanden anrufen und sagen: „Boah, ich habe die Schnauze voll von Riesen-Wetas und ihrem Sozialverhalten. Ich finde da keine Belege mehr zu.“ Zwischendurch bei einem Kaffee.

Ja, geht mir ähnlich. Ich muss ganz, ganz selten etwas unlektoriert abgeben. Aber ich fühle mich dann immer wie nackt. Also so komplett ungeschützt. Denn natürlich passieren einem Fehler, natürlich gibt es unrunde Formulierungen oder Übersetzungen, die holprig klingen, weil man auf dem Schlauch gestanden hat oder so. Zudem hat die Lektorin einfach einen frischen Blick, und man selbst sieht ja manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Ja, genau! Am Ende können auch im Studio noch Sachen verändert werden. Das heißt also, dass über die Texte manchmal bis zu viermal drübergegangen wird. Aber das macht sie dann auch richtig gut.

Wo du das Studio ansprichst – du machst ja auch Voiceover-Regie. Was ist das genau für eine Arbeit, und wie geht sie vonstatten?

Ich gehe ins Tonstudio. Ich sitze auf der einen Seite der Glasscheibe mit dem Tontechniker, und auf der anderen sitzt der Sprecher. Und der hat das Skript, den deutschen Text. Mal sieht er den ganzen Text, mal sieht er nur seine Rolle. Er muss dann seinen Text einsprechen, und du nimmst es ab. Meine Aufgabe ist es, darauf zu achten: Wird jeder Take aufgenommen? Haben wir einen Take vergessen? Das klingt simpel, aber du machst das zack-zack während der Aufnahme. Im Studio muss es immer möglichst schnell gehen. Daher verstehe ich auch nicht, weshalb Kunden an den Texten sparen, denn wenn du mit einem schlechten Text ins Studio gehst, brauchst du viel länger, und es wird teurer.

Du hast also die Möglichkeit, den Text gleich abzuändern, wenn ihr zum Beispiel merkt, da stolpert jemand oder es klingt nicht rund?

Ja, oder es fällt jemandem was auf. Wir sitzen da eigentlich immer mindestens zu dritt, und wenn jemand sagt, „Heißt das nicht so und so?“, dann bist du die Sprachexpertin und musst entweder sagen: „Nee, das ist schon korrekt so“, oder: „Du hast recht, wir müssen es doch nochmal ändern.“ Zudem musst du auf die Aussprache achten und darauf, dass sie gerade bei längeren Projekten überall gleich ist. Das klingt simpel, ist es aber nicht. Man kann auch über einfache Namen stolpern: heißt es zum Beispiel „Julia“ oder „Dschulia“? Und du bist diejenige mit dem Überblick über den Text. Den haben weder der Tontechniker noch der Sprecher, denn der bereitet sich nur auf seinen Text vor. Und das ist wichtig bei Anschlüssen. Du musst wissen, worauf sich etwas bezieht. Wenn irgendwas beispielsweise zum ersten Mal vorkommt, dann wird es anders betont, als wenn es gerade im Take vorher schon erwähnt wurde.

Der Ton ist bei dokumentarischen Formaten im Deutschen eher sachlich im Vergleich zum englischen oder französischen Original. Das heißt, du musst immer downgraden, es ist immer weniger bombastisch. Aber ich hatte zum Beispiel mal eine BBC-Doku, bei der quasi aus der Perspektive der Tiere erzählt wurde, und das war alles ein bisschen poetischer angelegt. In so einem Fall darfst du dem Sprecher auch mal sagen: „Jetzt hau da mal einen raus, und gib mehr Emotionen.“ Bei dokumentarischen Formaten passiert das selten, bei Reality-Formaten schon eher.

Ah, okay, da kann dann mehr eine „Rolle“ eingenommen werden?

Ja. Den Ton treffen gute Sprecher in der Regel, sie erfassen sofort, ob da jemand wütend, sauer oder traurig ist. Und wenn du mehr oder weniger haben willst, greifst du ein. Gerade habe ich eine Phase, in der ich viele lange Recherchen gemacht habe und mal wieder Lust auf Reality-Formate habe. Es schreibt sich anders, du hast mehr Freiheiten, es ist mehr Spiel. In Reality-Formaten musst du den Text noch viel stärker kürzen als in Dokus, es grenzt mehr an den fiktiven Bereich an.

Zum Abschluss noch eine Frage: Was war dein Lieblingsprojekt?

Meine Lieblingsprojekte haben soziale Themen. Ich habe mal eine ganz spannende Doku über Traveller in Großbritannien bearbeitet. Ein weiteres spannendes Projekt war eine Doku über die Opioid-Krise in Amerika. Das sind Themen, die mich inhaltlich interessieren. Es ist auch sprachlich eine Herausforderung, den realen Menschen in diesen Dokumentationen gerecht zu werden. Und ich liebe es, Gedichte zu übersetzen. Ich freue mich immer, wenn das mal im Rahmen einer Doku vorkommt. Da sitze ich dann auch mal einen ganzen Tag an einem Gedicht. Das ist natürlich finanziell null abgedeckt, aber …

Aber du gehst mit einem zufriedenen Lächeln ins Bett.

Total!


Das Gespräch führte Sonja Majumder

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