… mit Katrin Posse
Ein Gespräch über Voiceover-Adaption und -Regie
Katrin Posse hat in Bochum Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert, mit den Nebenfächern Slavistik und osteuropäische Geschichte. Sie ist seit 2013 Voiceover-Adapteurin und übersetzt aus dem Englischen ins Deutsche, seit 2022 schreibt sie auch Synchronbücher. Sie ist außerdem Teil der „KinoEulen“, einem Zwei-Frauen-Team, das seit 2015 regelmäßig internationale Kurzfilmprogramme für Kinder ab 4 Jahren im Kino und als Schul- und Kita-Vorstellung zusammenstellt. Katrin ist seit 2016 AVÜ-Mitglied und lebt in Essen.

Wie bist du zum audiovisuellen Übersetzen gekommen?
Über Kontakte. Ich bin komplette Quereinsteigerin. Ich übersetze aus dem Englischen ins Deutsche, und ich habe noch nicht mal Englisch studiert. Ich war aber schon immer ein Fan von Fantasy-Literatur. Und weil ich keine Lust hatte, bei mehrteiligen Werken auf die deutsche Übersetzung des nächsten Bandes zu warten, habe ich ab der siebten oder achten Klasse angefangen, englische Bücher zu lesen. Plus, ich war dann sehr nerdig und mit 15, 16 extrem großer Monty-Python-Fan. Und ich war schon immer sprachinteressiert.
Bei einem Hindi-Kurs in Hamburg habe ich Gaby Gehlen kennengelernt, die Gründungsmitglied des AVÜ ist und ja viele von uns unter die Fittiche genommen hat. Und sie meinte, ich wäre doch gut mit Sprachen und ob ich nicht auch Lust hätte auf das Filmübersetzen. Dazu kam, dass sie von einem kleinen Kölner Studio große Voiceover-Paketaufträge für ganze Dokuserien bekommen hatte. Um das kurzfristig abarbeiten zu können, hat sie ein Team gegründet aus Leuten, die sie kannte. Und da hat sie mich dann dazugenommen. Sie hat dann, glaube ich, die ersten zwei, drei Sachen von mir lektoriert. Ziemlich streng, was völlig okay war, denn ich hatte ja keine Ahnung.
Ich war zu dem Zeitpunkt eh dabei, mich umzuorientieren. Und dann kam erst Gaby um die Ecke, und dann hab ich über den Freund eines Freundes einen Job bei der Deutschen Bahn (Netz AG) im Einwendungsmanagement bekommen. Und dann habe ich beides parallel angefangen. Ich habe in Teilzeit bei der Bahn gearbeitet, was ich auch total spannend fand, und in der anderen Zeit audiovisuelle Übersetzungen gemacht. Bei der Bahn habe ich fünf Jahre gearbeitet, dann habe ich mich wegbeworben, tatsächlich zu diesem kleinen Kölner Studio. Und dort habe ich dann anderthalb Jahre gearbeitet.
Also bei dem Kölner Studio, für das du deine ersten Projekte gemacht hast?
Ja. In der Zeit, als ich bei der Bahn angestellt war, habe ich praktisch nur für diesen Kunden gearbeitet. Dort habe ich mich also hinbeworben und dann sowohl übersetzt als auch redaktionell gearbeitet, und ich war im direkten Kontakt mit den Auftraggebern des Studios, mit den Fernsehsendern. Irgendwann kam dann Corona, ich wurde entlassen und habe mich selbstständig gemacht. Seitdem bin ich freiberufliche audiovisuelle Übersetzerin in Vollzeit. Ich habe einen Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit bekommen, den ich sehr empfehle. Und das Erste, was ich dann gemacht habe, war natürlich auf Akquise gehen.
Kommen wir nun zum Voiceover. Wie würdest du Voiceover, also das Gewerk, kurz und knapp beschreiben?
Wenn ich Leuten, die nichts mit der audiovisuellen Welt zu tun haben, meinen Job als audiovisuelle Übersetzerin für Voiceover beschreibe, dann sage ich: „Ihr kennt das aus dem Fernsehen. Das ist, wenn bei Dokus die Leute auf Deutsch so drüber sprechen.“ – „Oh ja, das habe ich schon gehört. Und du sprichst das ein?“ – „Nein, ich spreche das nicht ein. Ich schreibe den Text, den dann Sprecher einsprechen.“ Und wenn noch ein bisschen Zeit ist, dann sage ich noch dazu, dass ich als Arbeitsmaterial sowohl das Video als auch den Text kriege, da die Leute oft denken, dass ich den abhören muss.
Das wäre meine nächste Frage gewesen. Wie sieht es aus mit Arbeitsmaterial? Also du kriegst immer ein Skript. Und natürlich das Bild.
Ja. Es gibt allerdings noch mehr. Beim Voiceover kann der Arbeitsumfang sehr unterschiedlich sein. Auf jeden Fall gehört die Übersetzung der Inserts mit dazu, also der im Bild als Text eingeblendeten Orts-, Zeit- oder Berufsangaben oder sonstige Infos. Wie zum Beispiel „Tempelanlage von Karnak, 1350 v. Chr.“ oder „Dr. Angela Smith, Archäologin, Universität Leiden“. Die Kunden wollen außerdem meist eine Synopse haben, also einen Pressetext. Und manchmal mache ich Bildunterschriften für Pressebilder. Manchmal kriegst du noch Tabellen mit Angaben für den Abspann. Aber für die eigentliche Arbeit brauche ich nur Skript und Bild.
Und wie gehst du vor, also wie ist der Arbeitsprozess? Irgendwie muss man ja schauen, dass der Text auf das Original passt. Zählst du da Silben, oder sprichst du drüber?
Ich spreche drüber, immer. Wenn etwas zu lang ist, und ich mir im Kopf eine Alternative überlege, dann zähle ich manchmal die Silben. Meine Kunden kriegen in den allermeisten Fällen ein deutsches Skript in Tabellenform von mir, entweder eine Excel- oder eine Word-Datei. Denn der Text wird in kurze Takes unterteilt. Das mache ich meistens selber. Es gibt sicher auch Kunden, die einem Takes vorgeben, aber bei meinen Projekten mach ich das. Die Takes kriegen dann immer einen Anfangstimecode, damit man den Text dem Video zuordnen kann, wobei einige Kunden auch einen Endtimecode wollen. Die Regel beim Voiceover ist, dass du möglichst vorne und hinten den Originalton freistehen lassen solltest. Das heißt, der deutsche Text ist kürzer als das Original, damit du hinten und vorne Pi mal Daumen drei Worte hörst. Je nach Format geht das nicht immer. In der Tabelle steht neben dem Timecode der Sprecher oder die Rolle oder beides. Und dann kommt der deutsche Text, dann der englische Text und dann gibt es immer noch eine Möglichkeit für Anmerkungen, entweder mit einer zusätzlichen Spalte in der Tabelle oder mit Fuß- und Endnoten.
Das bekommt der Kunde also von mir geliefert. Plus den Pressetext und manchmal auch die Bildbeschreibungen. Ich hatte auch mal einen Kunden, der wollte, dass ich die Sprecher besetze. Im Vorfeld spricht man gegebenenfalls ab, was der Kunde genau will: Worauf legt er formal und stilistisch Wert?
Voiceover-Übersetzungen gibt es ja vor allem, wie du ja vorhin schon gesagt hast, bei dokumentarischen Formaten…
Ja, hauptsächlich sind das Dokumentarfilme und -serien, aber auch Reality-Formate.
Ah, stimmt. Und du machst beides?
Ja.
Ah, okay. Wie aufwendig ist die Recherchearbeit bei dokumentarischen Formaten?
Aufwendig. So würde ich das mal in einem Wort zusammenfassen. Das ist auch vom Kunden abhängig. Das Minimum ist, dass du die Zahlen, Daten, Fakten checkst. Nehmen wir eine True-Crime-Doku, in der es heißt: „Der Mann wurde am 26. August 1985 um 10 Uhr morgens ermordet“. Dann musst du gucken, ob du das irgendwo findest. Du kannst dann hinschreiben: „Ja, das Datum ist bestätigt, aber die Uhrzeit habe ich jetzt nicht gefunden.“ Das ist dann okay, aber du musst es anrecherchieren.
Du kannst dich also nicht auf das verlassen, was in der Doku behauptet wird?
Das ist unterschiedlich. Man bekommt ein Gefühl dafür. Wenn du eine Doku hast, bei der schon der erste Fakt falsch ist, dann gehen deine Alarmglocken an. Und natürlich musst du die Fachbegriffe recherchieren, du musst dich ins Thema einarbeiten. Ich habe Lieblingsthemen, und ich habe Hassthemen. Schlimm ist für mich alles, was mit Geologie zu tun hat. Ganz furchtbar. Aber wenn dann in der Doku irgendein Experte erklärt, wie Australien entstanden ist, musst du das natürlich korrekt wiedergeben. Und dazu musst du in Grundzügen verstehen, wie dieser Kontinent entstanden ist.
Das mit den Hassthemen kenne ich. Ich bin tendenziell schwach in Naturwissenschaften, ganz besonders in Physik. Ich hab mal eine Tierdoku bearbeitet, aber eigentlich ging es um Optik. Und ich bin so geschwommen, egal wie sehr ich die deutschen Begriffe recherchiert habe.
Ich erzähle gerne von einer meiner allerersten Dokus. Das war eine BBC-Doku namens „My Brother the Terrorist“, das ist jetzt schon Jahre her. Darin ging es um den Dschihad. Klar weiß ich, was der Dschihad ist, aber wie benutze ich das in einem Satz? Sag ich: „Ich kämpfe im Dschihad?“, „Ich ziehe in den Dschihad?“, und so weiter. Und seitdem erzähle ich immer, dass ich sicher auf irgendeiner Watchlist gelandet bin, weil ich das wie blöd gegoogelt habe.
Eigentlich habe ich Spaß an der Recherche, aber bei mir besteht oft die Gefahr, dass ich mich verzettle, weil ich mehr lese, als ich muss. Es gibt aber auch Fälle, wo die Recherche einfach überhandnimmt. Zum Beispiel bei Wissenschaftsdokus. Da können in einer Folge fünf verschiedene Themen vorkommen. Ich hatte mal eine, da ging es unter anderem um komische Quallen, Spatzen, die Fledermaushirne aßen und explodierende Felsen. Dann musst du für 45 Minuten fünf
verschiedenen Themen anrecherchieren. Oder bei historischen Projekten. Manchmal bin ich mindestens einen Tag lang nur mit Recherche beschäftigt. Ich habe gerade ein Dokument abgegeben, das 70 Fußnoten umfasst. Und die meisten Fußnoten bestehen aus mindestens zwei Links.
Krass! War es wenigstens inhaltlich interessant für dich?
Bei dem Projekt ging es um Alexander den Großen, das fand ich tatsächlich inhaltlich total spannend. Ich mache viel zu antiker oder ganz weit zurückliegender Geschichte, z.B. Ägypten. Bei diesen Themen ist die Recherche immer sehr aufwendig.
Und wird die Recherchezeit extra bezahlt? Wie wirst du überhaupt bezahlt? Per Zeichen? Per Zeile?
Ich werde pauschal bezahlt oder nach Minute. Und der Preis deckt dann alles ab. Das heißt, er beinhaltet auch die Übersetzung des PR-Materials und die Recherche. Und manchmal auch das Kürzen. Es gibt Kunden, die sagen: Die Folgen sind 50 Minuten lang, ich brauch 45. Überleg mal, wo du kürzen kannst.
Du sollst dir überlegen, wie die Kunden ihre Doku kürzen können, und das wird ebenfalls nicht extra bezahlt?
Nein, das ist immer pauschal mit abgedeckt. Aber der Pauschalpreis ist je nach Umfang der Arbeit auch mal höher oder niedriger.
Und wird der Text, den du ablieferst, nochmal überarbeitet, oder kommt der dann genau so in die Doku?
Das ist unterschiedlich. Meine Auftraggeber sind nicht die Fernsehsender oder die Streamingdienste, sondern die Studios oder Synchronfirmen, die in deren Auftrag deutsche Fassungen erstellen. Und dort wird der Text in den allermeisten Fällen nochmal gegengelesen, bevor es in die Aufnahme geht. Ich weiß von Projekten, da sind auch Redakteure zwischengeschaltet. Und da ich als Quereinsteigerin in einem Team angefangen habe und auch so angelernt wurde, arbeite ich oft in einem Kreis von Kolleginnen, die sich gegenseitig lektorieren. Das ist unbezahlt. Manche finden das unnötig, aber ich habe das so gelernt und fühle mich ganz komisch, wenn ich meine Texte abgebe, und es hat vorher niemand mehr drübergeguckt. Und es macht auch Spaß. Ich finde, der Beruf ist sonst eher einsam. Ich weiß, es gibt viele Kollegen, die lieben es, völlig allein zu arbeiten, aber so ticke ich nicht. Ich brauche auch mal den Austausch und will dann jemanden anrufen und sagen: „Boah, ich habe die Schnauze voll von Riesen-Wetas und ihrem Sozialverhalten. Ich finde da keine Belege mehr zu.“ Zwischendurch bei einem Kaffee.
Ja, geht mir ähnlich. Ich muss ganz, ganz selten etwas unlektoriert abgeben. Aber ich fühle mich dann immer wie nackt. Also so komplett ungeschützt. Denn natürlich passieren einem Fehler, natürlich gibt es unrunde Formulierungen oder Übersetzungen, die holprig klingen, weil man auf dem Schlauch gestanden hat oder so. Zudem hat die Lektorin einfach einen frischen Blick, und man selbst sieht ja manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
Ja, genau! Am Ende können auch im Studio noch Sachen verändert werden. Das heißt also, dass über die Texte manchmal bis zu viermal drübergegangen wird. Aber das macht sie dann auch richtig gut.
Wo du das Studio ansprichst – du machst ja auch Voiceover-Regie. Was ist das genau für eine Arbeit, und wie geht sie vonstatten?
Ich gehe ins Tonstudio. Ich sitze auf der einen Seite der Glasscheibe mit dem Tontechniker, und auf der anderen sitzt der Sprecher. Und der hat das Skript, den deutschen Text. Mal sieht er den ganzen Text, mal sieht er nur seine Rolle. Er muss dann seinen Text einsprechen, und du nimmst es ab. Meine Aufgabe ist es, darauf zu achten: Wird jeder Take aufgenommen? Haben wir einen Take vergessen? Das klingt simpel, aber du machst das zack-zack während der Aufnahme. Im Studio muss es immer möglichst schnell gehen. Daher verstehe ich auch nicht, weshalb Kunden an den Texten sparen, denn wenn du mit einem schlechten Text ins Studio gehst, brauchst du viel länger, und es wird teurer.
Du hast also die Möglichkeit, den Text gleich abzuändern, wenn ihr zum Beispiel merkt, da stolpert jemand oder es klingt nicht rund?
Ja, oder es fällt jemandem was auf. Wir sitzen da eigentlich immer mindestens zu dritt, und wenn jemand sagt, „Heißt das nicht so und so?“, dann bist du die Sprachexpertin und musst entweder sagen: „Nee, das ist schon korrekt so“, oder: „Du hast recht, wir müssen es doch nochmal ändern.“ Zudem musst du auf die Aussprache achten und darauf, dass sie gerade bei längeren Projekten überall gleich ist. Das klingt simpel, ist es aber nicht. Man kann auch über einfache Namen stolpern: heißt es zum Beispiel „Julia“ oder „Dschulia“? Und du bist diejenige mit dem Überblick über den Text. Den haben weder der Tontechniker noch der Sprecher, denn der bereitet sich nur auf seinen Text vor. Und das ist wichtig bei Anschlüssen. Du musst wissen, worauf sich etwas bezieht. Wenn irgendwas beispielsweise zum ersten Mal vorkommt, dann wird es anders betont, als wenn es gerade im Take vorher schon erwähnt wurde.
Der Ton ist bei dokumentarischen Formaten im Deutschen eher sachlich im Vergleich zum englischen oder französischen Original. Das heißt, du musst immer downgraden, es ist immer weniger bombastisch. Aber ich hatte zum Beispiel mal eine BBC-Doku, bei der quasi aus der Perspektive der Tiere erzählt wurde, und das war alles ein bisschen poetischer angelegt. In so einem Fall darfst du dem Sprecher auch mal sagen: „Jetzt hau da mal einen raus, und gib mehr Emotionen.“ Bei dokumentarischen Formaten passiert das selten, bei Reality-Formaten schon eher.
Ah, okay, da kann dann mehr eine „Rolle“ eingenommen werden?
Ja. Den Ton treffen gute Sprecher in der Regel, sie erfassen sofort, ob da jemand wütend, sauer oder traurig ist. Und wenn du mehr oder weniger haben willst, greifst du ein. Gerade habe ich eine Phase, in der ich viele lange Recherchen gemacht habe und mal wieder Lust auf Reality-Formate habe. Es schreibt sich anders, du hast mehr Freiheiten, es ist mehr Spiel. In Reality-Formaten musst du den Text noch viel stärker kürzen als in Dokus, es grenzt mehr an den fiktiven Bereich an.
Zum Abschluss noch eine Frage: Was war dein Lieblingsprojekt?
Meine Lieblingsprojekte haben soziale Themen. Ich habe mal eine ganz spannende Doku über Traveller in Großbritannien bearbeitet. Ein weiteres spannendes Projekt war eine Doku über die Opioid-Krise in Amerika. Das sind Themen, die mich inhaltlich interessieren. Es ist auch sprachlich eine Herausforderung, den realen Menschen in diesen Dokumentationen gerecht zu werden. Und ich liebe es, Gedichte zu übersetzen. Ich freue mich immer, wenn das mal im Rahmen einer Doku vorkommt. Da sitze ich dann auch mal einen ganzen Tag an einem Gedicht. Das ist natürlich finanziell null abgedeckt, aber …
Aber du gehst mit einem zufriedenen Lächeln ins Bett.
Total!
Das Gespräch führte Sonja Majumder

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