Kategorie: Untertitel-Handwerk

Auf einen Kaffee …

mit Katrin Meyberg

Ein Gespräch über das Untertiteln aus dem Chinesischen


Katrin Meyberg lebt in Berlin und ist seit 2005 als audiovisuelle Übersetzerin mit den Arbeitssprachen Englisch, Französisch und Chinesisch tätig. Ihre Arbeit umfasst die Gewerke OmU-Untertitel, Voiceover-Übersetzung, Übersetzung für Synchron sowie Audiodeskription. Zudem erstellt und fährt sie Übertitel für Theaterhäuser in Berlin. Mit der Schaubühne und dem Berliner Ensemble war sie im Oktober 2024 als Übertitlerin in Taiwan. Im Mai 2026 hat sie das Berliner Ensemble erneut bei deren Gastspiel nach Taipeh begleitet. Katrin ist seit 2017 AVÜ-Mitglied und war vier Jahre lang Teil des Vorstands.

Wie bist du zum audiovisuellen Übersetzen gekommen?

Ich habe eigentlich schon in meinem Studium damit angefangen. Ich habe Sprachen studiert: Anglistik-Amerikanistik an der Humboldt-Universität im Hauptfach und im Nebenfach Französisch und Europäische Ethnologie. 2002 habe ich ein Praktikum gemacht, bei Alias Film in Charlottenburg. Das war super. Ich habe natürlich am Anfang auch Kaffee gekocht und gelernt, wie man den perfekten Milchschaum macht und das Archiv aufgeräumt und so. Aber es war eine tolle Erfahrung. Das Büro war in einer riesigen Charlottenburger Altbauwohnung mit fünf Meter hohen Decken und alten Kaminen. Und die Leute waren nett. Da gingen auch Filmemacher ein und aus, das war beeindruckend als damals Anfang 20-Jährige. Zunächst habe ich kleinere Sachen gemacht. Ich musste zum Beispiel VHS-Kassetten verschicken, zu Arte nach Straßburg. Damals lief alles über DigiBetas und VHS. Wir hatten riesige Maschinen zum Untertiteln, die an DOS-Rechner angeschlossen waren. Man hatte einen super Sound und konnte nichts falsch machen, es war alles schön manuell. Das Tolle war: Es gab dort eine angestellte Untertitlerin, und der durfte ich über die Schulter gucken. Sie hat mich auch immer gefragt, was ich denke und wie ich kürzen würde. Irgendwann hat sie mir die Funktionen gezeigt. Die waren relativ einfach zu lernen, weil es nicht so viele gab. Das war super, weil man sich auf das Wesentliche konzentrieren konnte. Ich hab also während dieses Praktikums das Untertiteln gelernt. Und nach dem Praktikum wollte die Kollegin gerne, dass ich weitermache, ihr ein bisschen zur Hand gehe, weil sie einfach viel zu tun hatte.

Hattest du dich bewusst für ein Praktikum dort entschieden, weil das was mit Film zu tun hatte, oder war das Zufall?

Das war Zufall. Die Firma gehörte der Tante meiner Freundin Janna [Anm.: AVÜ-Mitglied Janna Düringer], und wenn irgendwie Not am Mann war, half sie dort ein bisschen neben dem Studium aus. Irgendwann meinte sie: „Katrin, mach du das doch“. Zumal sie auch nicht aus dem Französischen übersetzt, und die hatten oft französische Projekte, weil sie viel für Arte gearbeitet haben. Es war also wirklich Zufall – ein glücklicher Zufall. Dann war aber geplant, dass ich nach meinem Grundstudium ein Jahr ins Ausland gehe. Ich bin dann nach Straßburg gegangen, ausgerechnet. Und als ich zurückkam, haben sie mir nach und nach eigene Aufträge gegeben.

Hast du da frei gearbeitet, oder warst du angestellt?

Frei, ich war dort nie angestellt. Es war schon nett da. Einmal kam beispielsweise Valeska Grisebach mit einem deutschen Film, der englische Untertitel brauchte. Ich sollte mit ihr, glaube ich, die Abnahme machen, gemeinsam mit einem englischen Kollegen. Und dann stellte sich heraus: Sie hatte im Dorf meiner Oma gedreht! Sie hatte viel mit Laiendarstellern gearbeitet, und meine Tante war in dem Film …

Nein! Dann siehst du da plötzlich deine Verwandtschaft?

Das Personal meiner Kindheit tauchte auf dem Bildschirm auf! Und sie meinte so: „Ach, das ist ja auch eine ganz schöne Frau.“ – „Das ist meine Oma!“ Und meine Tante stand da an so einer Kaffeetafel mit einer Flasche Sprühsahne. Es war total absurd. Lange habe ich fast ausschließlich für diese Firma übersetzt und untertitelt.

War für dich da auch schon klar, dass du nach deinem Studienabschluss deinen Nebenjob zum Hauptjob machen möchtest? Oder hast du gedacht: Na ja, mal gucken?

Ja, eigentlich schon. Ich habe das total gerne gemacht. Natürlich habe ich gemerkt: Also, so gut verdient man damit nicht, und manchmal gibt es Flauten. Aber ich war eigentlich ganz gut angebunden. Und ich konnte mir auch nicht so richtig was anderes vorstellen. Manchmal dachte ich schon: Ach, das ist jetzt aber auch ein bisschen bequem. Jetzt bleibe ich hier und mache nichts anderes, und irgendwas entgeht mir vielleicht. Aber irgendwie war das voll meins, es hat total gepasst. Nach dem Studium habe ich dann ein Jahr voll gearbeitet. Und dann dachte ich: Okay, jetzt bin ich Ende 20, vielleicht muss ich doch noch was anderes machen. Und ich wollte nochmal ins Ausland. Das war aber alles ein bisschen unspezifisch. Dann habe ich eine Freundin in Taiwan besucht, die Sinologin ist und dort studiert hat. Und ich war total geflasht von Taiwan und von Taipeh. Dann habe ich Leute kennengelernt, die dort Chinesisch gelernt haben und erfahren, dass es Stipendien gibt, die Taiwan an Ausländer vergibt, die dort für ein Jahr Chinesisch lernen, und denen auch noch genug Taschengeld gibt, dass sie da ganz gut leben können. Und dann habe ich mir das in den Kopf gesetzt, bin zurückgeflogen und dachte: Okay, jetzt bewerbe ich mich da auch. Aber diese Stipendien waren vor allem für Amerikaner, weil die USA mit Taiwan damals viel engere politische Beziehungen pflegten, und für Deutschland gab es genau zwei Plätze. Von denen ich keinen bekommen habe. Ich war ziemlich enttäuscht, aber dann dachte ich: Egal, ich mache es trotzdem. Und dann habe ich mich dort an der Uni für ein Sprachprogramm eingeschrieben, einen Intensivkurs, der über mehrere Monate ging. Und dann war ich da, an der großen Uni in Taipeh mit dem schönen Campus und habe jeden Tag drei, vier Stunden Chinesisch gehabt.

Und wie lange warst du dann in Taiwan?

Neun Monate insgesamt. Ich hatte mir ein halbes Jahr vorgenommen, aber es war so eine tolle Zeit, ich habe so nette Menschen kennengelernt. Nach neun Monaten ging mir die Kohle aus. Und da war auch die Überlegung: Ich kann jetzt hier nicht einfach immer nur ewig Chinesisch lernen, ich muss ja auch irgendwie arbeiten. Und dann bin ich ein bisschen geplättet wieder abgereist und hab echt geheult im Flugzeug. Ich glaube, ich habe noch nie etwas gemacht, bei dem ich innerlich so angetrieben war. Ich wollte das so unbedingt. Nach meiner Rückkehr hab ich relativ schnell entschieden: Ich muss wieder zurück. Ich habe dann das inzwischen eingeführte Work-and-Travel-Visum erhalten, für ein Jahr, und mich erst einmal wieder an der Uni eingeschrieben. Und dann habe ich eine Stelle gefunden, als Übersetzerin aus dem Englischen ins Deutsche bei einer großen Gaming-Firma. Inhaltlich war das zwar nicht so meins, aber uns ging es da ziemlich gut, und ich hatte die feste Stelle, die ich brauchte, um in Taiwan bleiben zu können. Das habe ich dann ein paar Jahre gemacht.

Wie lange warst du dann nochmal da?

Ich war dann nochmal drei Jahre in Taipeh. Es waren insgesamt also fast vier mit der ersten Zeit als Studentin.

Bist du dann zurückgekehrt mit der Überlegung im Hinterkopf: Ich habe jetzt noch eine dritte Sprache, also Chinesisch, die ich als audiovisuelle Übersetzerin anbieten kann?

Erst war ich noch in Hongkong. Ich hatte in Taiwan meinen Freund kennengelernt, der ist aus Hongkong. Und dann bin ich zu ihm gezogen und hab da noch ein Jahr gelebt. Dort habe ich ein bisschen Kantonesisch gelernt, aber das war schwer anzuwenden, weil dort viel mehr Leute Englisch sprechen als in Taiwan. In Hongkong habe ich dann eine Zeit lang transkribiert fürs Gericht, englische Zeugenprotokolle. Dadurch habe ich eine unglaubliche Toleranz entwickelt beim Abhören, auch wenn ich das nicht gerne mache. Nach einer Weile wusste ich, das ist kein Job, den ich mein Leben lang machen möchte. Und dann habe ich irgendwann überlegt: Okay, entweder bleibe ich in Asien, für immer, oder ich muss mal langsam darüber nachdenken, ob ich nicht zurück nach Berlin gehe. Für mich war eigentlich klar: In Hongkong kann man nicht leben ohne einen Business-Background, und den hatte ich absolut nicht und auch keine Ambitionen, mich da einzufinden.

Inwiefern unterscheidet sich deine Arbeitsweise, wenn du aus dem Chinesischen übersetzt im Vergleich zu Englisch oder Französisch? Hast du identische Arbeitsmaterialien? Bei Hindi-Projekten war es zum Beispiel lange so, dass Materialien fehlten, die man für englische Projekte bekommt. Eine Conti zum Beispiel. Man hatte dann irgendein Transkript, das aber nur bedingt mit den tatsächlichen Dialogen im Film übereinstimmte. Ist das bei chinesischen Filmen ähnlich?

Die Materiallage ist ähnlich, das kommt total drauf an, leider. Ich habe auch schon Filme zähneknirschend übersetzt, ohne dass ich ein Skript hatte.

Oh, du hast komplett abhören müssen?

Na ja, ich hatte vielleicht eine englische Untertitelliste oder so. Manchmal gibt es auch tatsächlich eine chinesische Untertitelliste. Aber oft habe ich irgendein Skript, bei dem dann ganz viel fehlt. An kritischen Stellen sind dann Lücken, weil die Person, die es abgehört hat, auch nicht weiterkam. Das liegt aber auch daran, dass Chinesisch unglaublich viele Varietäten hat, also Dialekte. China ist einfach ein Riesenland, und nicht alle sprechen Hochchinesisch, und schon gar nicht in den Filmen, die bei mir landen. Das sind oft Festivalfilme, kleine Filme, deren Besonderheit ist, dass sie auf dem Land oder in einer ganz bestimmten Region spielen. Ich habe also deswegen oft kein Hochchinesisch vor mir, und dann ist es natürlich besonders heikel, wenn das Skript nicht gut ist. Bevor ich einen Auftrag annehme, sage ich auch immer an, dass ich erst in den Film reinschauen muss, ob ich das überhaupt verstehen kann, und dass ich ein Transkript brauche.

Neulich habe ich einen taiwanischen Dokumentarfilm untertitelt, in dem ein Protagonist einen Sprachfehler hatte, und bei Dokumentarfilmen ist die Materiallage ja meist noch schwieriger. Da musste ich mich ganz lange reinhören. Das ist wirklich nicht einfach. Solche Sachen halten mich regelmäßig auf.

Und was sind die besonderen sprachlichen Herausforderungen?

Die Sprache ist einfach sehr kontextuell, und das ist der Unterschied zum Englischen und Französischen. Es gibt oft kein Subjekt in einem Satz. Da muss ich erst mal überlegen, wer spricht, oder wer ist angesprochen? Gerade, wenn eh schon unklar ist, wer da mit wem redet, wird es schwierig. Die Höflichkeitsformen und Anreden sind natürlich ganz anders. Dann gibt es eben auch Sachen, die man eigentlich vermeiden möchte. Ich will nicht jedes Mal „Bruder Wang“ schreiben, auch wenn das der Bruder ist, oder „Meister sowieso“. Das ist aber erst mal auch wichtig, um ein Verhältnis klarzustellen. Da muss man also abwägen, denn im Deutschen gibt es Siezen und Duzen. Im Chinesischen gibt es auch eine Form für ein höfliches Sie, die wird aber eher selten verwendet. Das drückt sich dann eben anders aus, durch bestimmte Floskeln zum Beispiel. Und dann gibt es viele Homophone, also viele Worte, die gleich klingen, aber etwas ganz anderes bedeuten. Und es gibt Zeichen, die wiederum je nach Kontext unterschiedlich ausgesprochen werden und dann auch unterschiedliche Sachen meinen. Dieses Kontextuelle ist beim Chinesischen die große Schwierigkeit.

Und wenn dann noch dazukommt, dass du abhören musst oder ein unvollständiges Skript hast … Also eigentlich bräuchtest du mehr Material als bei einem …

Genau. Und auch mehr Zeit.

Ja!

Und mehr Geld.

Das auch! Kriegst du denn für einen chinesischen Film mehr Zeit als für einen englischen oder französischen?

Nein, nicht per se. Das kommt immer drauf an. Wenn der Film für ein Festival ist, ist die Zeit immer knapp. Also nein, eigentlich nicht. Wenn ich Glück habe, werden die Sachen relativ früh angekündigt. Aber bei den letzten Filmen, die ich gemacht habe, war die Zeit immer relativ knapp. Und für „Monster Hunt 2“ zum Beispiel habe ich damals zehn Tage Zeit gehabt, vom Erhalten des Bilds bis zur Ablieferung. Und das war … sportlich.

Über diesen Film würde ich gerne noch kurz mit dir sprechen. Ich hab ihn mit einer Kollegin auf der Berlinale gesehen, ich glaube, das war 2018. Ich wusste überhaupt nicht, was mich da erwartet und bin vor allem reingegangen, weil ich ein großer Tony Leung-Fan bin. Und wir sind fast vom Stuhl gefallen vor Lachen. Der Film ist ja so eine überdrehte Fantasy-Komödie, und Humor ist grundsätzlich tricky zu übersetzen. Beim Untertiteln muss man zudem noch kürzen und kondensieren. Und dann gibt es ja einfach auch kulturspezifischen Humor, der manchmal nicht gut übertragbar ist oder nur so bedingt funktioniert. Erinnerst du dich daran, wie du an diesen Film herangegangen bist, damit es für ein deutsches Publikum Sinn macht UND lustig ist?

Der Film war unglaublich schnell geschnitten. Ich habe erst auch total kurze Untertitel gemacht, um nicht ständig über den Schnitt zu titeln. Ich weiß noch, dass es nachher im Lektorat hieß: „Wir müssen da längere Einheiten draus machen.“ Ich war damit echt überfordert, weil die meisten Filme für Festivals ja oft auch eher lange Einstellungen haben. Bei chinesischen Filmen hatte ich noch nicht so oft das Problem, dass sie flott geschnitten sind. Und jeder Satz ein Treffer sein muss. Das war nicht einfach. Und der Humor funktioniert im Chinesischen oft auch über so kurze Sprüche, sogenannte Chengyus. Das sind Redewendungen, die aus vier Zeichen bestehen und eine tiefe Bedeutung haben, die man aber unmöglich in der Kürze der Zeit, die ein Untertitel stehen kann, übersetzen kann. Die sind allgemein bekannt und werden ständig benutzt, auch im Alltag, und dieser Film war voll davon. Und dann gab es diesen Sprachwitz, dass zwei Zeichen, die gleich klingen, aber unterschiedlich geschrieben werden und unterschiedliche Bedeutungen haben, ausgetauscht werden, um einen Witz zu erzeugen. Manchmal muss man natürlich einfach darüber hinweggehen und an anderer Stelle witzig sein, oder zumindest versuchen, diesen Slapstick-Humor zu vermitteln. Dann gab es so eine Fußballszene, da musste ich mir dann Fußballsachen draufschaffen…

Kurzpass!“

Genau! Hier ein Pass und da noch irgendwas, und ich bin überhaupt keine Fußballerin. Beim Chinesischen muss man zudem immer viel kürzen. Es wird ein Satz gesagt, aber im Deutschen ist nur Zeit für ein Wort. Bei „Monster Hunt 2“ war das extrem schwer, weil kein Platz da war, dieses Schnelle und Prägnante hinzubekommen und dabei irgendwie witzig zu sein. Ich glaube, man muss sich oft wirklich sehr weit weg vom Original entfernen und versuchen, so eine situative Komik anders einzufangen. Natürlich wälze ich mich erst durch die Originaltexte, um zu gucken, was da genau gemeint ist. Und wenn ich nicht auf Anhieb eine Übersetzung finde und weiß, ich muss hier ganz tief reingehen, dann ist das meistens schon ein Zeichen dafür, dass ich dafür in den Untertiteln keinen Platz haben werde und mir was anderes überlegen muss. Einerseits ist das dann weiter weg vom Original, andererseits ist das aber gerade wichtig beim Chinesischen, damit man nicht so eine wahnsinnig metapherlastige, blumige Sprache transportiert, die im Deutschen nicht funktioniert. Und das ist für mich, glaube ich, immer der Anspruch.

Brauchst du, wenn du einen chinesischen Film untertitelst, mehr Durchgänge? Um einen Abstand zu bekommen, dann nochmal reinzugehen und zu merken, okay, hier muss ich doch freier werden?

Genau. Das ist genau der Grund, warum es länger dauert. Und ich halte dann auch mehr Rücksprache. In so einer Situation suche ich mir auf jeden Fall muttersprachliche Hilfe. Das habe ich bei Englisch und Französisch viel, viel weniger. Da gibt es das auch mal, aber da ist es einfach kulturell nicht so, dass ich denke: Oh, hier könnte ich richtig danebenliegen. Gerade in einem Film wie „Monster Hunt 2“ gibt es ja auch diese Mythen, diese chinesischen Legenden, die Philosophie, das spielt alles im Hintergrund mit. Das hat alles eine Bedeutung. Das kann ich natürlich nicht ausbreiten, aber bei einem Chinesen, der den Film sieht, läuft dieser ganze Hintergrund mit. Und das ist ja beim deutschen Publikum anders. Und das heißt dann, der Film wird anders rezipiert, aber das ist dann so. Ich kann ja keine Fußnoten machen. Das so zu abstrahieren, zu wissen, „okay, diese Figur muss ich irgendwie reinbringen“, oder „der muss zumindest immer noch so heißen, weil das ein literarischer Bezug ist“ – das ist ein wichtiger Teil der Übersetzungsarbeit. Namen sind auch nochmal eine andere, eigene Schwierigkeit im Chinesischen. Wegen all dieser Herausforderungen habe ich auch bei jedem Film, der mir angeboten wird, einen Riesenrespekt und gucke ihn mir erstmal ganz genau an. Und ich versuche, mir jedes Mal darüber klarzuwerden, worauf ich mich einlasse. Manchmal liegt man auch daneben, und dann kämpft man halt mehr. Ich habe auch eine gute Kollegin, mit der ich gerne zusammenarbeite, eine Chinesin. In einen Austausch zu gehen, ist dann unglaublich wertvoll. Aber die Zeit muss man eben auch haben, und das ist ja manchmal das Problem.

Die Frage ist auch: Wird das extra bezahlt?

Eigentlich nehme ich das meistens auf meine Kappe. Es ist schwierig, das nochmal beim Kunden anzumelden, wenn es am Ende irgendwie hakt. In solche Projekte fließt eben viel Herzblut. Und trotzdem mache ich sie einfach total gerne. Man wächst auch unglaublich an diesen Filmen.

Kommen wir schon zur letzten Frage, die nach deinem Lieblingsprojekt. Du musst nichts Chinesisches nennen. Einfach irgendwas, an dem du besonders gern gearbeitet hast.

Der Film „Cooking Up Democracy“ von Monika Treut über die Demokratie Taiwans – der wird dieses Jahr bestimmt ins Kino kommen – hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Das liegt natürlich an meiner Schwäche und Nostalgie für Taiwan. Da hänge ich immer noch dran, obwohl es jetzt schon lange her ist, dass ich dort gelebt habe. Aber sobald mir ein taiwanischer Film angeboten wird, bin ich immer Feuer und Flamme. Die Filmemacherin versucht wirklich zu begreifen, wie die Menschen in Taiwan ticken, wenn es auch gerade trotz ihrer politischen Situation darum geht, die Demokratie zu stärken. Sie sind so unter Druck in Bezug auf China und dem ganzen geopolitischen Schlamassel, in dem sie stecken. Und sie hat ganz tolle Protagonist*innen, denen sie viel Raum gibt. Sie hat wunderbar eingefangen, wie es für die Leute vor Ort möglich ist, unter der Bedrohung ein normales Leben zu führen und wie sie einen Umgang damit finden, wie lebendig dort Demokratie gelebt wird, trotz allem.


Das Gespräch führte Sonja Majumder

Auf einen Kaffee …


mit Gaby Gehlen


Ein Gespräch über Brückenübersetzungen


Gaby Gehlen hat an der ehemaligen FH Köln Dolmetschen/Übersetzen studiert und ist seit 2000 audiovisuelle Übersetzerin mit den Hauptgewerken OmU-Untertitelung und Übersetzung für Synchron. Ihre Arbeitssprachen sind Englisch, Französisch und Hindi. Gaby ist AVÜ-Gründungsmitglied und war von 2016-2022 1. Vorsitzende unseres Verbands. Sie lebt in Köln.


Gaby in einem Still aus „gut zusammen leben – willkommenskultur in köln“
© Kölner Freiwilligen Agentur

Liebe Gaby, zunächst die Frage nach dem Werdegang. Wie bist du zum audiovisuellen Übersetzen gekommen? War das ein Zufall oder gezielt?

Das war schon gezielt. Ich habe mich schon sehr für Film interessiert, bevor ich überhaupt angefangen habe, Übersetzen zu studieren. Kino war immer mein Ding. Aber ich wollte eigentlich gar nicht Übersetzerin, sondern Dolmetscherin werden. Das war mein Ziel, und das bin ich auch geworden – Diplom-Dolmetscherin. Aber ich hatte das Glück, dass es bei uns einen Dozenten gab, der für den WDR untertitelt hat. Den habe ich dann als Betreuer für meine Diplomarbeit gewinnen können. Mein Thema war der Vergleich von Untertitelung und Synchronfassung anhand eines Filmausschnitts aus „The Crying Game“ von Neil Jordan. Es gab damals nicht viel Literatur zum Thema, im Grunde nur ein Buch, „Subtitling for the media: a handbook of an art“ von Jan Ivarsson. Die ganze Untertitel-Expertise kam ja aus Skandinavien. Und dann gab es dieses Buch über Synchronisation, das alle kennen, „Theorie und Praxis der Synchronisation“. Ansonsten war da wenig, es gab ja noch kein Internet. Ich habe in dem Ivarsson-Buch dann die Regeln nachgeguckt, also, wie viel Abstand zwischen den Untertiteln sein muss und so weiter. Ich hatte einen Videorekorder mit Jog-Shuttle und bin so an die ungefähren Timecodes gekommen. Dann habe ich einen Ausschnitt des Films untertitelt und danach eine Lippensynchron-Fassung erstellt. Mir ging es in der Arbeit darum, den Unterschied aufzuzeigen, also die Originaltreue beim Untertiteln und was bei der Synchronfassung alles so unter den Tisch fallen muss aufgrund der Lippensynchronität. Nicht nur das war ein Grund dafür, dass mir das Untertiteln besser gefallen hat, es kommt auch dem Dolmetschen näher – sinnvoll zusammenfassen und kürzen, aber dem Original treu bleiben, denn das ist für alle hörbar. Das war meine allererste Arbeit auf einem Computer, geschrieben auf dem Gerät, das sich meine Mitbewohnerin kurz vorher gekauft hatte. Und sie war auch ziemlich umfangreich für eine FH-Arbeit. Die hatte, glaube ich, 120 Seiten, das war so das Maximum.

Und hast du dann direkt nach dem Studium angefangen mit der Untertitelung oder Übersetzung für Synchron?

Nee, gar nicht. Ich habe mich natürlich mit dieser Diplomarbeit beworben, als Untertitlerin. Ich habe es erst beim WDR versucht, aber die brauchten niemanden. Dann habe ich mich bei Film & Video Gerhard Lehmann beworben, weil die Firma hier bei mir in der Gegend war. Aber da hatte ich auch keine Chance. Das war damals, also Mitte der 90er, nämlich ein wirklich sehr umkämpftes, sehr elitäres Arbeitsfeld, und die Firmen hatten Angst, dass man ihnen irgendwie ihr Know-how klaut. Zu dem Zeitpunkt konnten noch nicht so viele Leute untertiteln, und es gab auch nicht viele Untertitelagenturen. Ich bin also erst mal gar nicht in die Branche reingekommen. Aber ich hatte schon Anfang der 1990er Jahre angefangen, für die Feminale in Köln und später auch für die Kurzfilmtage Oberhausen zu arbeiten, hab Katalogübersetzung gemacht, Filmgespräche gedolmetscht und Filme eingesprochen. Ich war also schon ein bisschen drin in dem Bereich, und ich wollte unbedingt rein in die Branche. Aber ich hab dann natürlich erst mal andere Sachen gemacht, ein Kochbuch und einen Kunstband übersetzt und tatsächlich auch zusammen mit Kolleginnen, die für eine Übersetzungsagentur im IT-Bereich gearbeitet haben, ein Videospiel übersetzt. Aber ich wollte unbedingt mit Film arbeiten und hab dann 1998 oder 1999 eine Fortbildung in Germersheim zum Thema Untertitelung und Synchron gemacht und dort Bettina [Anm.: Bettina Artl, 1. Vorsitzende des AVÜ von 2022-2026] kennengelernt. Über sie bin ich dann doch noch zu Lehmann gekommen. Neben Bettina haben auch Frank Sahlberger und Andrea Kirchhartz [Anm.: ebenfalls AVÜ-Mitglieder] dort gearbeitet. Wir gehören also quasi alle zur selben Generation von Untertitler*innen.

Die Lehmann-Generation!

Genau. Ich habe damals vor Ort arbeiten müssen, denn selbst im Jahr 2000 war das alles noch sehr Hardware-intensiv. Man brauchte einen Computermonitor und einen speziellen DOS-Rechner. Und dann noch einen speziellen Videorekorder, bei dem du mit dem Jog-Shuttle den Film Bild für Bild vor- und zurücklaufen und dabei den Ton hören konntest. Damit habe ich gelernt, wirklich bildgenau zu spotten. Aber das musste man sich zunächst im Kopf ausmalen, denn die Untertitel und das Bild waren nicht auf demselben Monitor. Von den lektorierten Untertiteln wurde dann eine Simulation auf VHS erstellt. Und die habe ich mir immer angesehen, bei jedem Film. Und oft bin ich auch die Korrekturen noch mit meinen Lektorinnen durchgegangen.

Heißt das, ihr hattet zwei separate Monitore?

Ja, ich hatte einen riesigen Schreibtisch, so eine richtige Workstation mit Videorekorder, Monitor, Videomonitor, Computer. Das war schon auch eine harte Schule, aber man hat das Untertiteln damit einfach gut gelernt. So bin ich also zum audiovisuellen Übersetzen gekommen. Das hat mir einfach total Spaß gemacht, aber vor allem das Untertiteln und das Handwerkliche daran. Ich bin gar nicht so technikaffin, aber das Handwerkliche und das Ganzheitliche, also alles selber machen und entscheiden zu können, das fand ich super.

Kommen wir jetzt zum Thema Brückenübersetzung, also der Übersetzung über das Englische statt direkt aus dem Original, womit du sehr viel Erfahrung hast. Du bekommst ja bis heute immer mal wieder Filme auf den Tisch, vor allem aus dem asiatischen Kino, deren Sprachen du nicht kannst und für die du auch keine*n Untertitler*in kennst.

Meine erste Erfahrung mit einer Brückenübersetzung war ein Hindi-Film. Das war „Kabhi Khushi Kabhie Gham“, der allererste Hindi-Film, den ich bewusst gesehen habe. Als mir der Film angeboten wurde, habe ich natürlich gefragt, wie das denn gehen soll, wo ich doch gar kein Hindi kann. Aber da die Agentur niemanden gefunden hatte, der direkt aus dem Hindi untertiteln konnte, habe ich mich breitschlagen lassen. Allerdings nur, weil es einen hindisprachigen Lektor gab, der meine Übersetzung am Ende überprüft hat und auch das Spotting, also, ob die Übersetzung auch an der richtigen Stelle kam. Von der Agentur war das damals sogar vorgeschrieben: Wenn es niemanden gibt, der aus der Originalsprache untertiteln kann, dann muss eine muttersprachliche Lektorin oder ein Lektor mit an Bord sein. Das hat mich beruhigt, und die Zusammenarbeit hat dann auch recht gut geklappt. Ich hatte eine Dialogliste auf Hindi und Englisch, damals noch auf Papier, ein riesiger Wälzer. Und ich glaube, es gab englische Untertitel im Bild. Nach diesem ersten Hindi-Film kam noch einer und dann noch einer. Und obwohl mir das Untertiteln der Hindi-Filme einen Riesenspaß gemacht hat, fand ich die Übersetzung über Brücke irgendwann ziemlich unbefriedigend, weil ich nach und nach gemerkt habe, wie unpräzise das Englische ist. Englisch ist einfach viel zu unkonkret und daher die denkbar ungeeignetste Brückensprache. Deutsch ist eine sehr konkrete Sprache. Und dann hast du so eine Sprache wie Hindi, die ebenfalls sehr konkret ist und auch diese ganzen unterschiedlichen Levels von Höflichkeiten hat. Als klar war, dass die Hindikino-Welle, diese Bollywood-Welle, weitergeht, habe ich mir überlegt, dass ich die Sprache lernen muss, wenn ich das weitermachen will. Brückenübersetzungen sind einfach problematisch. Deshalb mache ich das nur noch, wenn ich für eine Sprache wirklich keine Untertitlerin oder keinen Untertitler finde.

Was sind denn deiner Meinung nach bei einer Brückenübersetzung die größten Fallstricke, oder was findest du daran am schwierigsten?

Wie schon erwähnt bringt die Tatsache, dass Englisch eine so unkonkrete Sprache ist, Probleme auf der sprachlichen Ebene mit sich, wenn das die Brückensprache ist und du die Originalsprache gar nicht beherrschst. Dann musst du natürlich unter anderem ständig entscheiden, wie die Personen sich ansprechen. Zudem verflacht der deutsche Text dann fast zwangsläufig: Wenn man das Original nicht versteht und etwas auf Englisch alles Mögliche heißen kann, dann muss die deutsche Übersetzung eigentlich auch alles Mögliche heißen können. Und damit wird es so wischiwaschi, und es geht einfach viel verloren. Außerdem besteht die Gefahr eines „Stille-Post“-Effekts, und du hast immer Angst, du interpretierst oder verstehst etwas falsch, oder es entgeht dir etwas, was Leute, die die Sprache können, natürlich mitbekommen. Das ist unbefriedigend, und ich finde auch, es wird einem Film einfach nicht gerecht.

Und dann gibt es ja auch noch den ganzen kulturellen Kontext, der wahnsinnig wichtig ist. Gesellschaftliche Strukturen, Hierarchien, religiöse Aspekte und so weiter. Und wenn man diesen Kontext nicht kennt oder versteht, brauchst du mindestens die Sprache, die ihn dir vermittelt. Und im Fall der Hindi-Filme kannte ich weder die Sprache noch den kulturellen Kontext, weil ich mich vorher nie für Indien interessiert hatte. Den konnte mir zum Glück dann mein Lektor vermitteln, Devindra Kohli, ein Anglistik-Professor, der schon lange in Deutschland lebt und auch ein großer Fan des Hindi-Kinos ist. Es war wichtig, jemanden zu haben, der sich auch damit gut auskennt. Gerade bei diesem Kino gibt es so vieles, was man sonst nicht versteht oder mitbekommt.

Zitate, Referenzen …

Ja, genau. Filmzitate ohne Ende. Aber auch die Songs, ich habe ja auch die Lieder übersetzt. Das habe ich geliebt, aber es war sehr schwierig, weil es sich bei den Liedtextern mitunter um bekannte Dichter handelt. Und dann hatte man da so verkürzte oder auch sehr freie englische Übersetzungen. Ich war froh, als ich irgendwann so ein bisschen mehr Hintergrund hatte, um das alles besser beurteilen zu können. Aber ich habe trotzdem immer mit Hindi-Lektor*innen weitergearbeitet, weil ich diesen kulturellen Background einfach nicht hatte.

Wenn du mit Sprachlektor*innen arbeitest, was müssen die mitbringen? Worauf achtest du, beziehungsweise was sind deine Anforderungen?

Im besten Falle sind sie selber Übersetzer*innen, so dass sie zumindest wissen, was wichtig ist. Es geht ja nicht darum, eine 1 zu 1 Übersetzung zu haben, daher macht eine Übersetzungserfahrung auf jeden Fall Sinn. Ich habe auch schon mit Leuten gearbeitet, die keine Erfahrung mit Übersetzen hatten, weil ich einfach niemand anderen für ein bestimmte Sprache gefunden habe. Aber das war immer sehr anstrengend und wahnsinnig zeitaufwendig.

Hast du also immer, wenn du eine Brückenübersetzung gemacht hast, mit jemandem zusammengearbeitet, der das im Nachhinein lektoriert hat?

Nicht immer. Ich hab mal einen Film aus Laos bearbeitet. Da war einfach niemand zu finden, der ein Sprachlektorat hätte machen konnte. Aber weil der Regisseur selbst die englischen Untertitel abgenommen hatte und auch englischer Muttersprachler war, hat mein Auftraggeber gemeint, ich solle mich einfach darauf verlassen, dass es so stimmt. Als erfahrene Untertitlerin merkt man zwar meistens, wenn die Brücken-UT nicht gut sind. Aber gut fühlt man sich dabei trotzdem nicht.

Wie findest du denn Sprachlektor*innen, wenn du welche brauchst? Wie gehst du da vor?

Das ist oft nicht so einfach. Selbst wenn man eine*n Übersetzerkolleg*in mit der passenden Sprachkombination gefunden hat, heißt das noch nicht, dass die Person versteht, worauf es bei einer Filmübersetzung ankommt, weil sie vielleicht vor allem juristische Texte übersetzt oder technische Übersetzungen macht. Manchmal hat man Glück. Ich habe zuletzt einen palästinensischen Film untertitelt, der im Original auf Arabisch war. Ich hatte eine Person gefunden, die das Sprachlektorat übernehmen wollte, aber sie ist mir im letzten Moment abgesprungen. Ich habe dann im Internet recherchiert und dann tatsächlich eine Autorin gefunden, eine Deutsche, die mehrere Bücher übersetzt hatte aus dem Arabischen. Die habe ich einfach angerufen, allerdings war sie schon pensioniert und arbeitete nicht mehr. Doch sie kannte eine palästinensische Frau, die schon öfter mit Film zu tun hatte. Und sie hat das Lektorat dann übernommen.

Ich habe auch oft in Zusammenarbeit mit Kolleginnen versucht, über Unis und bestimmte Studiengänge Lektor*innen zu finden. Über die Indologie der Uni Köln habe ich z.B. mal eine Sprachlektorin für Tamil gefunden, über die Uni Hamburg einen Lektor für Tagalog. Vor ein paar Jahren hatte ich von einem Verleih, für den ich viel arbeite, eine Anfrage für einem Film erhalten, der auf Englisch, Französisch und Koreanisch war – „Return to Seoul“, ein toller Film. Und da habe ich dann nach einer Sprachlektorin für Koreanisch gesucht und sie über die Koreanistik der Uni Hamburg gefunden – das war Louena Orbista [Anm: mittlerweile auch AVÜ-Mitglied]. Und das war wirklich ein Glücksfall, weil sie ein Riesentalent ist, sehr filmaffin, und richtig Spaß an dem Job hatte. Die Zusammenarbeit war toll, und wir haben sie dann ausgebildet, so dass es jetzt eine Untertitlerin gibt, die direkt aus dem Koreanischen übersetzen kann. Der Markt für koreanische Serien und Filme wächst ja. Außerdem kann sie nicht nur Koreanisch, sondern auch Tagalog, was auch ein großes Glück ist, da philippinische Filme auch öfter meines Weges kommen.

Wie genau gestaltet sich denn eine Zusammenarbeit mit einem Sprachlektor oder mit einer Sprachlektorin?

Ich erstelle die Brückenübersetzung aus dem Englischen, und merke dann aber auch meistens schon, wenn irgendwas schief ist, wenn sich was komisch anhört, ich ein Sprachbild oder eine Redewendung nicht verstehe oder denke: Oh, okay, was haben die für ein Verhältnis zueinander? Wie reden die sich jetzt an? Ich mache dann Kommentare oder Vermerke für die Lektorin oder den Lektor, gebe die Untertitel dann der Person zum Lektorat und bespreche am Ende nochmal die für mich unklaren Stellen.

Besprichst du das mit der Person direkt? Also kommt die Lektorin dann zu dir, setzt sich neben dich und du gibst Korrekturen usw. direkt ein und besprichst Unklarheiten an Ort und Stelle?

Da es eh schon schwierig ist, überhaupt Leute zu finden, ist es noch schwieriger, jemanden in der gleichen Stadt zu finden. Und mit dem, was man dabei verdient, kann man auch nicht durch die Republik fliegen. Deswegen ist es so, dass ich dann natürlich meinen Kunden frage, ob ich meinem Lektor oder meiner Lektorin den Film schicken darf. Und die Lektor*innen wissen natürlich, dass sie Verschwiegenheit darüber bewahren müssen, dass sie ihn nicht weitergeben dürfen etc. Vertrauen ist sehr wichtig bei so einer Zusammenarbeit. Ich schicke der Lektorin dann die Untertiteldatei, so dass sie die Untertitel mit dem Film angucken kann, und dann noch ein Excel-Sheet oder ein Word-Dokument. Im Idealfall auch das Originalskript, wenn man es denn hat. Aber oft weiß man nicht, wie gut oder komplett das ist. Die Lektor*innen machen ihre Korrekturen in dem Word-Dokument oder der Excel-Datei, ich übertrage sie dann und frage nach, wo ich nicht sicher bin, was es bedeutet. Das ist sehr aufwändig, und ich kriege das auch nicht extra bezahlt. Ich bezahle die Lektor*innen aus eigener Tasche. Aber mir ist das eben wichtig. Ich mache meine Arbeit mit viel Herzblut und möchte keinen Film rausgeben und sagen: „Na ja, wird schon irgendwie stimmen.“ Und zum Schluss schreibe ich ihre Namen auch mit in den Credit. Das ist mir schon allein deshalb wichtig, damit Kolleg*innen wissen, ich habe nicht einfach so eine Brückenübersetzung gemacht.

Jetzt kommen wir schon zur letzten Frage, nämlich der nach dem Lieblingsprojekt. Hast du eins, und wenn ja, warum ist es eines?

Ich habe tatsächlich ein Lieblingsprojekt, und zwar war das der Film „Heaven“ von Tom Tykwer mit Cate Blanchett und Giovanni Ribisi. Den durfte ich untertiteln, aus dem Englischen und Italienischen. Ich kann ein wenig Italienisch, habe aber eine Kollegin noch mal drüberschauen lassen, nicht zuletzt, weil da ein paar juristische Fachbegriffe vorkamen. Einer der Protagonisten ist nämlich Polizeidolmetscher. Ich weiß gar nicht mehr, wann der rausgekommen ist, ich glaube 2002. Das Beste an dieser Arbeit war, dass ich, glaube ich, vier oder fünf Schnittfassungen auf dem Tisch hatte. Es war toll, den Entstehungsprozess des Films mitzubekommen. Man sieht Stellen, die findet man ein bisschen schwach, und in der nächsten Fassung sind sie umgeschnitten, und dann funktionieren sie. Ich fand es überhaupt nicht ärgerlich, dass ich dann nochmal an den Film ranmusste, sondern superspannend. Toll war auch, dass ich mit Tom Tykwer über die Untertitel diskutieren konnte. Er hat die Untertitel bekommen, die Abnahme gemacht, mich angerufen, hat nachgefragt. Ich konnte ihm dann erklären, warum ich das so gemacht habe und nicht anders, warum das meines Erachtens an der Stelle wichtig ist. Und er konnte sagen: „Nee, ich sehe das anders, das ist mir wichtig“, und so weiter. Und schließlich habe ich vor der Premiere des Films dann auch noch die PK dolmetschen dürfen.

Und natürlich liegen mir die Hindi-Filme sehr am Herzen. An diese Arbeit hat sich so viel angeknüpft: Ich habe eine neue Sprache gelernt und mit ihr ganz tolle Menschen kennengelernt, und ich habe das Land bereist. Ich habe fast ein Jahr in Indien gelebt, um mein Hindi zu verbessern. Deswegen ist auch „Kabhi Khushi Kabhie Gham“ ein Lieblingsprojekt. Da spielt Shah Rukh Khan mit, also einer der größten Superstars des zeitgenössischen indischen Kinos, den habe ich zum ersten Mal in diesem Film gesehen. Und nachdem ich 20 Minuten untertitelt hatte – ein ständiges Vor-Zurück-Vor-Zurück-Spulen mit dem Jog-Shuttle, was ungefähr vier oder fünf Tage gedauert hat – war ich schockverliebt in Shah Rukh Khan! Diese ganzen schmachtenden Liebesszenen, die Lieder, das fand ich alles super. Und meine Tochter, die damals noch ganz klein war, saß dann auch am liebsten auf meinem Schoß und hat zugeguckt und konnte nachher auch alle Lieder mitträllern. Sie durfte dann auch mit ins Kino zur Premiere, da war sie drei oder vier. Das war ihr allererster Kinofilm.


Das Gespräch führte Sonja Majumder

© 2026 AVÜ-Blog

Theme von Anders NorénHoch ↑