… mit Sarah Lafon
Ein Gespräch über die AVT-Branche in Frankreich
Sarah Lafon hat in Toulouse audiovisuelles Übersetzen studiert und arbeitet seit 2016 in Vollzeit als audiovisuelle Übersetzerin. Sie übersetzt aus dem Englischen, dem Deutschen und dem Spanischen ins Französische und arbeitet in den Gewerken OmU-Untertitelung, Voiceover sowie Übersetzung für Synchron und schreibt Dialogbücher. Sarah ist seit 2017 AVÜ-Mitglied und lebt und arbeitet in Hamburg.

Sarah an ihrem liebsten Arbeitsplatz
Bevor wir richtig loslegen zuerst die Frage: Wie bist du zum audiovisuellen Übersetzen gekommen?
Ich war schon sehr früh sehr sprach- und kinobegeistert. Irgendwann hat die Freundin einer Freundin, die mittlerweile auch eine sehr enge Freundin von mir geworden ist, mit einem entsprechenden Studium begonnen. Sie hat mir davon erzählt, und ich dachte so: „Ah, das ist doch genau das, was ich eigentlich machen will. Danke für den Tipp! Mach ich jetzt genauso.“ Sie ist ein paar Jahre älter, deswegen war sie so ein bisschen mein Vorbild. Und sie ist auch heute noch meine größte Mentorin im Berufsleben. Sie hat mich also auf die Idee gebracht. Davor hatte ich mir gedacht: „Übersetzung klingt gut, aber oha, Bücher – die sind ganz schön dick und lang.“ Ich lese gerne, aber Literaturübersetzung war nicht so meins. Und als ich das mit der Filmübersetzung rausgefunden habe, fand ich die Idee toll. Ich bin dann aber nicht genau dem Pfad meiner Mentorin gefolgt, denn sie hatte sich gleich auf Synchro fokussiert.
Ah, das kann man in Frankreich schon im Studium machen?
Ja, im Master. Sie hat in Nizza studiert. Dort habe ich es auch versucht, bin aber nicht reingekommen. Und dann habe ich stattdessen in Toulouse studiert. Auch dort erfolgt erst im Master die Spezialisierung.
War das ein Studiengang „Audiovisuelles Übersetzen“ oder generell Übersetzen mit Schwerpunkt AVT?
Letzteres. Ich habe dort nur mein zweites und letztes Master-Jahr gemacht. Aber ich würde sagen, ich habe das audiovisuelle Übersetzen nicht in diesem Studium gelernt, sondern in den Praktika, die da dranhingen. Und parallel zum Studium habe ich bei einem Kurzfilmfestival ein Volontariat gemacht, bei einem kleinen Verein, der einmal im Monat Kurzfilmvorstellungen in Toulouse organisiert hat. Und die haben alle Filme mit SDH-Untertiteln versehen. Das war so halbprofessionell, aber es gab da Leute, die sich wirklich damit auskannten, und die haben uns das beigebracht. Und jede*r von uns hat dann einmal im Monat ein, zwei Kurzfilme untertitelt.
Und wo hast du deine Praktika gemacht?
Ich habe zwei Praktika gemacht. Eins in Spanien, in der Nähe von Barcelona, in einem Aufnahmestudio für Synchron und Voiceover. Ich habe dort Voiceover-Übersetzungen gemacht. Dort wurden auch französische und deutsche Sprachfassungen aufgenommen, also so ein bisschen die Cheap-Version. Aber ich habe da trotzdem viel gelernt. Mein zweites Praktikum habe ich dann in Hamburg bei Subs gemacht, dort war der Schwerpunkt dann Untertitel.
Und wie hast du dann einen Fuß in die Branchentür bekommen? Leicht ist das ja nicht.
Stimmt. Ich kam über die Praktika zu meinen ersten Kunden. In Spanien haben die nicht wirklich gut bezahlt, aber so habe ich halt angefangen. Und ansonsten kann ich wirklich nur meiner Mentorin Nina danken, weil sie mich überall, wo sie konnte, mit ins Boot geholt hat. Wenn sie irgendwas aus zeitlichen Gründen nicht machen konnte, hat sie gesagt: „Aber Sarah kann das doch übernehmen.“ Oder sie hat mich in Teams geholt, in denen sie bereits war. Und das macht sie bis heute.
Kommen wir jetzt zur Branchensituation in Frankreich. Aus Deutschland blicken wir immer mit einer gewissen Ehrfurcht nach Frankreich, zumindest wir Untertitler*innen. Die französischen Kolleg*innen gelten ja so ein bisschen als die Kings und Queens of Untertitel in Europa. Ist das deiner Meinung nach tatsächlich so?
Schwer zu sagen. Ich kann aus persönlicher Erfahrung nicht so richtig was über die Untertitelbranche in Frankreich sagen, weil ich selbst tatsächlich doch viel weniger untertitele, als ich es gerne würde. Es ist ein bisschen so, dass es in Frankreich eine Handvoll Personen gibt, die untertiteln dürfen oder angemessene Preise angeboten bekommen. Und der Rest streitet sich so ein bisschen um die restlichen Peanuts. Es gibt eine Hierarchie aus drei Schichten, würde ich sagen. Da ist zum einen die Untertitel-Elite, die Filme bearbeitet oder direkt für Produzent*innen arbeiten kann und dafür ganz gute Preise bekommt. Dann gibt es eine mittlere Schicht, die akzeptable Honorare bekommt. Aber auch in diese Gruppe kommt man nicht so einfach rein, weil es eben zu viele AV-Übersetzer*innen gibt für zu wenig Bedarf. Und dann gibt es die ganzen Streamingdienst-Sachen. Allerdings werden die französischen Untertitel für die Streamingplattformen – bis auf Prestigeproduktionen – vor allem im Ausland erstellt, also nicht in Frankreich selbst. Die Aufträge werden an die großen LSPs [Anm.: Language Service Provider] im Ausland, also in Asien, Schweden und so weiter, vergeben. Und durch unseren französischen Verband ATAA bekomme ich mit, dass viele Kolleg*innen nicht für diese Firmen arbeiten, weil deren Preise zu niedrig sind im Vergleich zu dem, was man sonst in Frankreich bekäme oder bekommen sollte. Viele reden aber auch nicht darüber, dass sie für diese LSPs arbeiten, weil sie wissen, dass deren Konditionen nicht korrekt sind. Aber sie haben eben keine andere Wahl – keine anderen Optionen oder Angebote – und begnügen sich dann damit.
Wie ist denn die Branchenstruktur hinsichtlich Untertitel in Frankreich so grundsätzlich? Gibt es auch wie hier kleine, gewachsene Traditionsagenturen?
Eher weniger. Ganz viele Untertitel werden von Postproduktionsstudios gemacht.
Und wie ist das mit Synchron und Voiceover?
Auch das wird überwiegend von Postproduktionsfirmen übernommen. Eine Firma wie Titra macht beispielsweise sowohl Synchro und Untertitel als auch ganz klassische Postproduktionssachen. Daneben gibt es kleinere Synchronstudios. Und dann gibt es die fünf bis zehn großen, bekannten Synchron- bzw. Voiceover-Studios, und die befinden sich zu 90 Prozent in Paris.
Ah, die Branche ist also sehr auf Paris konzentriert?
Ja. Ich glaube, dass die Pandemie uns diesbezüglich sehr zugute kam – zumindest mir. Früher musste man als Filmübersetzer*in sowohl für Synchron als auch für Untertitel immer eine Abnahme machen, vor Ort im Studio mit den Endkund*innen. Es war wirklich so, dass du nicht in der Branche arbeiten konntest, wenn du nicht in Paris gelebt hast, weil du für diese Abnahmen eh ständig nach Paris fahren musstest. Und es gab auch viel mehr diesen persönlichen Kontakt mit den Kund*innen, mit den Studios und so weiter. Übrigens war es ein langer Kampf, bis die Übersetzer*innen für diesen halben oder sogar ganzen Tag im Studio auch vergütet wurden, und zum Teil kämpfen sie noch immer. Übersetzer*innen haben dafür ursprünglich nämlich nichts bekommen, obwohl das eine megaanstrengende Sache ist. Aber dafür vergütet wurde lange nur die Sprachregie, dabei hat die mit der eigentlichen Abnahme gar nichts zu tun. Schon vor der Pandemie wurde diese Art von persönlicher Abnahme nicht mehr für alle Produktionen gemacht. Es gibt aber auch jetzt noch einige Kund*innen, die das verlangen. Besonders bei Kino-Untertiteln wird das auf jeden Fall noch so gehandhabt, wenn du für Direktkunden oder Postproduktionsstudios wie z.B. Titra arbeitest. Auf jeden Fall bei größeren Produktionen. Ein paar Fernsehsender machen das definitiv auch noch. Streamingdienste nie, glaube ich. Die meisten Studios und Postproduktionsfirmen befinden sich nach wie vor in Paris, aber die Übersetzer*innen müssen eben nicht mehr in Paris sein. Allerdings versuche ich immer noch, mindestens einmal im Jahr für Synchron und Voiceover mit ins Studio zu gehen, um mir die Aufnahmen anzugucken. Das ist wirklich super wichtig und hilfreich.
Aber es ist nicht mehr verpflichtend?
Nee, ich geh freiwillig hin. Ich sitze dann in einer Ecke und gucke mir an, was die Sprecher*innen und die Sprachregie mit meinen Texten machen. Dann kann ich live sehen, wo es doch nicht gepasst hat, warum es anders gelöst werden muss und so weiter und so fort. Denn ich kann mir hier allein in meinem Büro ganz viel vorstellen, aber man muss es schon auch mal erleben. Und manchmal wirst du spontan gefragt, wenn z.B. ein Sprecher etwas nicht so einsprechen kann, wie du es geschrieben hast. Dann kann man einen anderen Vorschlag machen. Manchmal ist die Sprachregie nicht ganz so involviert und hat vielleicht nicht gesichtet, was an dem Tag aufgenommen werden soll. Wenn sie dann etwas ändern wollen, ist es manchmal ganz gut, wenn die Autorin da ist und sagen kann: „Moment, lieber nicht. Es gibt schon einen Grund, warum ich das so geschrieben habe.“
Ein wichtiger Unterschied zu Deutschland ist ja der Prozess des Erstellens der Dialogbücher für die Synchronfassungen. In Frankreich übersetzt und textet ein und dieselbe Person. Und in Deutschland ist dieser Prozess traditionell zweigeteilt: In die Übersetzung für Synchron und in das Texten der Bücher.
Ja, genau, das macht man in Frankreich nicht. Es gibt in der Regel keine bloße Übersetzung. Also in mehr als 90 Prozent aller Fälle ist das so, würde ich sagen. Es gibt ein paar wenige Dialogbuchautor*innen, die es nicht so mit dem Übersetzen haben. Sie nennen sich dann auch nicht „adapteur de doublage“, sondern „dialogiste“, weil sie nur die Dialoge schreiben. Sie adaptieren nicht, sie übersetzen nicht. Sie schreiben Dialoge.
Du lebst ja in Deutschland – hast du denn auch deutsche Kunden oder vor allem französische?
Ich habe ein paar deutsche Kunden, für die ich vor allem Festival-Untertitel erstelle. Das sind aber wirklich nur ein paar Anfragen im Jahr, und nur für Untertitel.
Gibt es denn Unterschiede hinsichtlich der Bezahlung?
Ja, in Frankreich kann das Honorar ungefähr doppelt so hoch ausfallen. Daher muss ich manchmal mit mir kämpfen, weil ich für deutsche Kunden Preise toleriere, die ich bei französischen Kunden nicht akzeptieren würde. Weil ich weiß, wenn mir das ein französischer Kunde anbietet, dann ist es wirklich falsch.
Hast du eine Erklärung dafür, warum die Preise so unterschiedlich sind?
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Kino oder die Filmlandschaft in Frankreich viel mehr wertgeschätzt wird als in Deutschland. Es gibt diese „exception culturelle française“, wie man so sagt. Und vielleicht gibt es auch einfach einen Unterschied was Subventionen betrifft. Perfekt ist das staatliche Subventionssystem nicht, aber die Verteilung ist viel besser als in Deutschland, hab ich so das Gefühl. Wir haben da in Frankreich eine sehr gute Struktur. Und – das ist jetzt ein etwas andere Baustelle – aber hinzu kommt dann auch noch diese Urheberrechtsgeschichte. Ihr bekommt ja zum Beispiel in Deutschland nur Tantiemen für die Zweitverwertung, und wir bekommen sie für die Erstverwertung. Und das ist im Vergleich zu Deutschland wahnsinnig viel Geld. Da gibt es in Frankreich aber auch Kämpfe, nämlich zwischen Synchro und Untertiteln. Ursprünglich ist Frankreich ja auch ein Synchron-Land, daher ist der Verteilungsschlüssel sehr zu Gunsten der Synchronübersetzungen aufgestellt. Für Untertitel bekomme ich Peanuts, bei meinen Synchronsachen denke ich mir immer: „Wow, okay, noch zu lernen, wie man Synchronbücher schreibt, hat sich richtig gelohnt.“
Und ziehen die Streamer da in Frankreich mit?
Wir haben ja zwei Verwertungsgesellschaften, SACEM für Fiktion und SCAM für Nicht-Fiktion. Also für Dokumentarfilme aber auch Reality TV, zum Beispiel. Und die verhandeln jeweils mit den Streamern. Manchmal dauert es Jahre, bis ein Vertrag steht. Und dann bekommt man das Geld rückwirkend, wenn man die Sachen denn bei den Verwertungsgesellschaften gemeldet hat. Mit Netflix wurde zum Beispiel richtig gut verhandelt. Wir bekommen von Netflix sehr viel Geld in die Ausschüttungen. Ich habe gehört, mit Apple TV sei auch nicht schlecht verhandelt worden, dafür ist der Disney-Vertrag nicht so gut. Mit manchen Streamingpartnern sind auch noch keine Verträge unterschrieben worden. Wie gesagt, die Verhandlungen ziehen sich manchmal über Jahre. Aber wir melden alle fleißig, weil sie anhand unserer Meldungen wissen, für wie viele Leute sie verhandeln und wie viel Wucht sie dadurch haben.
Auf alle Fälle ist das sehr cool. Wir sind in Deutschland diesbezüglich ja gefühlt meilenweit hinterher. Aber es macht Hoffnung, dass die VGWort mit den Streamern doch zu einer guten Lösung kommen könnte. Nun zur letzten Frage, nämlich der nach deinem Lieblingsprojekt.
Mein Lieblingsprojekt der letzten Jahre war „Paradise“, eine amerikanische post-apokalyptische Thriller-Serie, die auf Disney Plus läuft und bei der ich die Synchro mitgeschrieben habe. Ich liebe das: Yay, das Ende der Welt! Nein, wirklich, ich mag Science-Fiction und Dystopie irgendwie, ich fühle mich wohl darin. Und es war ein bisschen ein Prestigeprojekt. Nicht, dass ich unbedingt Prestigeprojekte machen will, aber ich war ein Jahr zuvor für die Synchro eines anderen Disney-Projekts angefragt worden – das erste, das keine Produktion für Kinder oder Teenager war. Und da hieß es damals vom Projektmanagement: „Ja, aber du musst erst von Disney genehmigt werden. Also schick uns mal deinen Lebenslauf, und dann gucken die sich dich an.“ Und ich wurde tatsächlich abgelehnt. Ich fand es irgendwie halb berechtigt, denn ich war damals wirklich noch frisch, was das Schreiben von Synchronbüchern betrifft. Aber es hat schon auch ein bisschen geschmerzt, weil ich nicht wusste, warum sie mich abgelehnt hatten. Es hieß nur: „Nee, diesmal nicht.“ Und als sie mich dann für dieses Projekt genommen haben, hatte ich ein bisschen so das Gefühl: Okay, ich darf doch auch ernste Sachen machen. Aber es ist nicht deswegen mein Lieblingsprojekt. Das Thema hat mir gefallen, die Geschichte, das Team. Wir sind zu dritt im Team und die Zusammenarbeit läuft wirklich gut. Wir lesen unsere Texte immer gegenseitig und helfen uns. Ich fühle mich von den Mädels wirklich sehr gepuscht. Und Anfang des Jahres bin ich für das Projekt für ein paar Tage mit ins Studio gegangen, und es war großartig. Wir haben beide bisherigen Staffeln bearbeitet, eine dritte soll kommen. Die ist bereits angekündigt worden.
Dann drücke ich die Daumen, dass die dritte Staffel auch wieder bei euch landet!
Das Gespräch führte Sonja Majumder

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