Ein Gespräch über die Untertitelung von „Tàr“ und berufliche Neuorientierung
Andreas Gründel hat in Berlin Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Theater- und Filmwissenschaft studiert. Er war ab 2009 als audiovisueller Übersetzer für Englisch und Französisch tätig und zwar in allen Gewerken: OmU-Untertitel, SDH, Übersetzung für Synchron, Audiodeskription und Voiceover-Übersetzung. Zudem hat er Synchronbücher geschrieben. Andreas ist Gründungsmitglied unseres Verbands und war von 2015-2017 2. Vorsitzender des AVÜ. Im vergangenen Jahr hat er die Branche gewechselt, bleibt dem AVÜ zu unserer Freude aber als Mitglied erhalten.

Zunächst wie immer die Frage nach dem Werdegang: Wie bist du zum audiovisuellen Übersetzen gekommen?
Ursprünglich wollte ich am Theater arbeiten. Mein Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft war sehr fremdsprachlich ausgerichtet, weil es um den Vergleich ging, auch Komparatistik genannt. Wir mussten also Englisch und Französisch im Original lesen können, und es gab auch Übersetzungsseminare. Da ging es um Übersetzungswissenschaft, also nicht um Übersetzungspraxis, aber man hat sich ganz viel mit Übersetzungen beschäftigt. Und auch die Zwischenprüfung bestand interessanterweise aus zwei reinen Übersetzungsklausuren, Englisch und Französisch ins Deutsche, von ziemlich anspruchsvollen literaturwissenschaftlichen Texten. Mir hat das Übersetzen schon in der Schule Spaß gemacht, und bei den Klausuren hab ich das dann noch mal ein bisschen mehr gemerkt. Und in der Theaterwissenschaft war es so, dass ich zwar am Theater arbeiten wollte, mich im Studium aber das ganze Filmzeugs viel mehr interessiert hat und ich mich fast nur mit Film beschäftigt habe. Aber nach dem Studium hab ich gedacht: Du musst es probieren mit dem Theater. Ich hab dann als Regieassistent gearbeitet, in Frankfurt am Main, beim Schauspiel. Das war die absolute Katastrophe. Ich bin einfach nicht für diesen Theaterbetrieb gemacht. Im Studium hatte ich immer wieder mal zwei, drei Monate hospitiert. Das ging, da konnte ich mich total selbst aufgeben und hatte Spaß daran. Aber das kann ich nicht dauerhaft. Ich habe einfach nicht die Energie, sechs Tage die Woche 14 Stunden zu arbeiten. Und auch nicht die Lust. Für diese Selbstaufgabe war ich nicht bereit. Ich habe dann Hals über Kopf gekündigt, nach einem Jahr. Und musste mir dann überlegen: Okay, was machst du jetzt? Und dann kam irgendwie die Idee: Übersetzen, freiberuflich nach dem ganzen Stress. Damals gab es auch den Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit für Freiberuflichkeit. Und dann kam natürlich sofort der Gedanke: Okay, wenn schon Übersetzen, dann willst du schon was übersetzen, von dem du fachlich eine Ahnung hast. Und das war eben Theater und Film. Ich habe immer viel OmU geschaut und war dann natürlich sofort beim Untertiteln. Zunächst habe ich alles Mögliche übersetzt, um die Selbstständigkeit überhaupt erst aufzubauen. Und dann habe ich einen Kurs gemacht bei Titelbild in Berlin, als es die noch gab. Das war ein zweiwöchiger Untertitelungskurs bei Rebekah und Katharina Hinderer [Anm.: Rebekah Smith und Katharina Hinderer sind beide AVÜ-Gründungsmitglieder.]
Oh, du hast das Untertiteln von Rebekah und Katharina gelernt?
Ja, vor allem von den beiden. Das war 2010. Nee, 2009. Und ich habe dann noch im Anschluss ein dreimonatiges Praktikum gemacht, wo mich unter anderem auch die beiden dort betreut haben. Dann wollte ich mich irgendwann weiterentwickeln und habe Audiodeskription dazugelernt. Irgendwann auch SDH. Und Voiceover, wobei ich da eher so reingerutscht bin. Audiodeskription habe ich richtig gelernt, bei Audioskript damals. Das habe ich interessanterweise eigentlich gemacht, um mehr mit Leuten zusammenzuarbeiten, weil das damals ja immer noch Teams waren. Aber kaum hatte ich das gelernt, wurde das abgeschafft, und man hat maximal das Lektorat mit einer blinden Person gemacht. Dann kam Synchron dazu. Das war ein großer Aufwand, hat aber auch viel Spaß gemacht. Synchron mochte ich schon sehr, das war ein ganz spannender Ausgleich zum Untertiteln. Aber es war auch sehr, sehr anstrengend. Und deswegen ist dann doch eigentlich immer das OmU-Untertiteln, also das, was ich als Erstes gelernt habe, mein bevorzugtes Gewerk geblieben. Und dann habe ich irgendwann eine Festanstellung in einer Untertitelagentur bekommen. Dort habe ich dann nur noch OmU-Untertitel gemacht.
Keine Audiodeskription mehr?
Nein, aber das war auch okay. Ich mag das schon auch, aber ich bin damit nie so wirklich warm geworden. Meine letzten Audiodeskriptionen habe ich immer nur dann gemacht, wenn ich sie mit Silke [Anm.: Silke Nagel, ebenfalls AVÜ-Gründungsmitglied] zusammen machen konnte. Dann hat es mir Spaß gemacht.
Reden wir über deine Untertiteltätigkeit. Du bist ja quasi der AVÜ-„Barbenheimer“, weil du sowohl „Barbie“ als auch „Oppenheimer“ untertitelt hast. Aber ich würde heute gerne mit dir über „Tàr“ sprechen, weil das Untertitel sind, die mir wahnsinnig hängengeblieben sind. Ich fand die wirklich brillant. Der Film ist ja sehr komplex, wahnsinnig dialoglastig, spielt in der Klassischen-Musik-Szene und ist gespickt mit Fachjargon. Daher meine erste Frage: Hattest du für die Bearbeitung von „Tàr“ mehr Zeit als für andere Filme? Und wusstest du, was da auf dich zukommt?
Da muss ich mal kurz überlegen, da war ich ja angestellt. Ich mag Todd Field, den Regisseur. Der macht ja nur alle paar Jahre einen Film, und seine vorherigen mochte ich sehr. Erst hieß es nur, das sei ein „Berlin-Film“ mit Nina Hoss. Ich habe dann mal nachgeguckt und gesehen: Oh, cool, der ist von Todd Field und mit Cate Blanchett! Das war noch vor der Premiere des Films in Venedig. Und dann hatte ich richtig Bock drauf. Ich glaube, ich hatte schon ein klein bisschen mehr Zeit, weil der ja auch so lang ist, irgendwas um die 150 Minuten. Und es wird ja mehr oder weniger 150 Minuten lang durchgeredet. Zudem der Fachjargon und dann aber auch komplexe Dialoge, lauter Anspielungen und so weiter.
Zwei Szenen sind mir sehr im Kopf geblieben, auch wegen der Untertitel: Zum einen diese Interview-Szene am Anfang, und dann noch diese Diskussion zwischen Tàr und dem Studenten über Bach. In beiden geht es zack-zack hin und her, und beide sind gespickt mit Fachbegriffen.
Ja, die erste Szene geht fast 30 Minuten, die zweite ist, glaube ich, fast genauso lang.
Wie war denn da dein Arbeits- und Rechercheprozess? Man muss ja verdammt viel kürzen und den Inhalt zudem so runterbrechen, dass Leute wie ich, die keine Ahnung von klassischer Musik haben, mitkommen. Gleichzeitig muss man alle Anspielungen mitnehmen, und es darf ja auch nicht zu vage werden …
Ja, vor allem ist das ein Film, den gucken sich logischerweise auch sehr viele Leute an, die sich auskennen. Da muss der Fachjargon schon stimmen. Und zudem geht es in „Tàr“ ganz viel um Machtmissbrauch. Und sie manipuliert und übt Macht über Sprache aus. Vor allem über Fachsprache, und indem sie sich intellektuell über jemanden stellt oder mit dieser Person intellektuell und sprachlich Schach spielt.
Weißt du noch, wie hoch dein Rechercheaufwand war?
Also, zum Recherchethema gibt es zwei Punkte. Da hatte ich zwei sehr glückliche Voraussetzungen. Zum einen, dass ich mich durch meine Arbeit am Theater sehr früh auch für Oper interessiert habe. Und für klassische Musik. Und ich habe es, nachdem ich schon freiberuflicher Übersetzer war, nicht ganz lassen können mit dem Theater und hab dann noch ein bisschen an der Oper gearbeitet, teilweise als Dramaturg, und dann auch musiktheoretische Sachen gelesen. Ich kenne die Leute, habe Sänger, Musiker und Dirigenten kennengelernt. Und ich habe Freunde, die im Klassikbereich arbeiten. Also, ich hab’s so ein bisschen mit der Szene. Ich mache selbst Musik, vor allem klassische Musik, habe Klarinette gespielt und nehme seit 2014 Gesangsunterricht. Ich habe also schon ein gewisses Grundwissen an Fachkenntnis und Fachjargon mitgebracht. Ich bin natürlich kein Musiktheoretiker oder Profimusiker. Aber ich habe halt so viel Affinität dafür, dass es mir schon sehr geholfen hat. Die meisten der musikhistorischen Anspielungen habe ich natürlich nicht gekannt. Wenn sie einen Witz macht über irgendwas, das Furtwängler gesagt hat, musste ich auch nachgucken. Aber ich habe das inhaltlich größtenteils alles verstanden. Zum Beispiel unterhält sich Tàr nach diesem langen Interview im Foyer mit einer jungen Frau. Es ist ein Flirt, fast ein sexuelles Gespräch, aber eigentlich unterhalten sie sich die ganze Zeit über Strawinsky, über „Le sacre du printemps“, und fachsimpeln. Und ich kenne das Stück. Ich kenne die Geschichte, und weiß, was damals in Paris bei der Uraufführung passiert ist. Und ich habe das daher alles gleich ganz gut verstanden. Ich musste das nicht alles nachlesen, was ich aber teilweise natürlich trotzdem gemacht habe, um Details aufzufrischen. Das war also eine gute Voraussetzung. Ich weiß gar nicht, ob das sonst gegangen wäre, ehrlich gesagt.
Dann warst also praktisch der perfekte Untertitler für den Film!
Ja, durch Zufall. Die Projektmanagerin wusste das, glaube ich, gar nicht. Sie hatte mich einfach für den Film eingeplant, fertig, aus. Zum zweiten bekommt man ja mittlerweile bei fast jedem Projekt als Ergänzung zum Arbeitsmaterial das Synchronbuch. Das kannst du ja nicht wirklich benutzen. Eigentlich lege ich es meist weg, weil mich das oft nervt und eh nichts bringt. Aber hier war das wirklich ein sehr, sehr gutes Synchronbuch. Selbst wenn etwas überhaupt nicht für Untertitel in Frage gekommen ist, hat es mich manchmal inspiriert: „Ah, guck mal, denk mal weiter in die Richtung.“ Vor allem war es sehr gut recherchiert. Die beiden Dialogbuchautoren hatten einen Fachberater, und der hatte sehr viele und ausführliche Anmerkungen reingeschrieben. Auch wirklich spezielle Sachen, bei denen ich mich kaputt recherchiert und wahrscheinlich trotzdem nichts gefunden hätte. Das war wirklich hilfreich. Und auch das englische Skript war in diesem Fall auch echt ganz gut kommentiert, muss ich sagen. Aber dadurch hat sich natürlich trotzdem nicht erübrigt, selbst im Internet zu recherchieren. Also, es waren diese drei Säulen: klassische Recherche, meine Vorkenntnisse, und dieses Hilfsmittel des wirklich sehr gut recherchierten und fundierten Synchronbuchs. Aber natürlich war es trotzdem viel Arbeit. Vor allem bei diesen beiden Szenen. Da wirst du wahnsinnig, weil es so viel Textmasse ist und du einfach das Gefühl hast, gar nicht voranzukommen.
Ich weiß noch, bei der ersten langen Szene hab ich gedacht: Ich hätte geheult, ich hätte Nervenzusammenbrüche bekommen.
Ja, die hatte ich auch. Aber es ist ein extrem guter Film mit extrem guten Dialogen, er ist extrem gut gespielt, und dann macht es schon auch Spaß. Aber natürlich bist du fix und fertig.
Weißt du noch, wie lange du an dieser bzw. an diesen beiden langen Szenen gesessen hast?
Oh, das kann ich nicht mehr genau sagen. Aber, ich glaube, da habe ich wirklich nicht mehr als eine Filmminute pro Arbeitsstunde geschafft. Also Rohfassung. Wahrscheinlich sogar noch weniger. Und wenn ich dann noch überlege, dass das Überarbeiten dazukommt, dann kannst du dir ja ausrechnen… Für diese erste Szene, die wirklich fast 30 Minuten lang ist, habe ich drei Tage allein an der Erstfassung gearbeitet. Dazu muss man sagen: Ich bin leider nicht der Typ, der schnell einmal durch ist und dann in Ruhe überarbeitet. Bei der Überarbeitung mache ich echt nur noch Feinheiten. Der zweite Durchgang ist bei mir daher eigentlich viel kürzer im Vergleich zum ersten. Aber ich glaube, bei dem Film wäre es echt auch schwierig gewesen, anders zu arbeiten. Du konntest da gar nicht so schnell drüber. Zumal es schon am Anfang teilweise sehr unterschwellige Untertöne und Anspielungen gibt, die müssen dann später aufgegriffen werden.
Hast du dir in diesem Fall den Film erst mal angeschaut, bevor du losgelegt hast mit der Arbeit?
Gute Frage, weiß ich nicht mehr. Eigentlich mache ich das nicht. Erstens, weil ich eigentlich nie die Zeit dafür habe. Und als Freiberufler wirst du nicht dafür bezahlt. Aber es kann schon sehr gut sein, dass ich mir in diesem Fall den Film vorher angeschaut habe. Vom Gefühl her würde ich fast sagen, ich habe es gemacht.
Hast du dann tatsächlich nur zwei Durchgänge gemacht, oder musstest du in diesem Fall noch einen dritten dranhängen oder vielleicht sogar noch weitere, zumindest partiell?
Ich meine, es war so, dass ich ein paar Stellen hatte, die ich dann noch mal ein drittes Mal gecheckt habe. Und ich habe mir die lektorierte Version angeguckt – was eigentlich in diesem Fall im Workflow nicht so vorgesehen war, vor allem aus zeitlichen Gründen – und dann Feedback gegeben. Dann hat sich die Produktion die Untertitel angesehen und auch noch mal Änderungen vorgenommen. Die waren teilweise auch echt gut, es waren aber auch ein, zwei Sachen dabei, wo ich dachte: Nein, das hätte ich nicht gemacht. Aber das muss man dann so akzeptieren. Allerdings habe ich im Kino dann gesehen, dass man offenbar nicht wollte, dass einzelne „Yes‘“ und „Nos“ oder „Okays“ untertitelt werden. Und dann wurden diese Untertitel wahrscheinlich in einem späteren Schritt einfach rausgeschmissen. Und was dabei passiert ist: Manchmal hast du ja so, „Ja …“ , oder „Ja,“, und im nächsten Untertitel geht der Satz weiter. Und der fing dann halt leider kleingeschrieben an.
Das ist mir überhaupt nicht aufgefallen.
Den Leuten, mit denen ich im Kino war, auch nicht. Aber das war schon etwas, das mich etwas geärgert hat. Ich bin natürlich total froh, den Film gemacht haben zu dürfen. Es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, in diesen Film so einzutauchen, so viel zu entdecken, so viele raffinierte Ideen, und auch so viel zu lernen über klassische Musik. Aber von den Arbeitsbedingungen her war es nicht unbedingt ein schönes Projekt. Muss man einfach auch mal so klar sagen.
Du hast dich, wie leider immer mehr Kolleg*innen, zu unserem großem Bedauern vor einiger Zeit dazu entschieden, dich beruflich umzuorientieren …
Ich habe irgendwann gemerkt, dass mich die Branche extrem nervt. Und dass mir die Arbeit, mit der ich mich jahrelang identifiziert habe, die mir ganz viel gegeben hat, trotz des schwierigen, anspruchsvollen freiberuflichen Daseins, teilweise gar keinen Spaß mehr gemacht hat. Wirklich auch die Arbeit selbst nicht mehr. Dann kam das Angebot der Festanstellung, und da dachte ich: Ich probiere das mal. Mal gucken, vielleicht verändert das was. Das hat es aber ehrlich gesagt nur noch schlimmer gemacht, weil ich da natürlich völlig ungefiltert diesen ganzen Branchenkram mitgekriegt habe. Witzigerweise hätte ich gedacht, man ist da eher so ein bisschen geschützt. In gewisser Weise ist man das auch. Aber natürlich kriegst du es halt viel direkter mit.
Stimmt.
Irgendwann war das auch sehr stressbelastet. Ich habe dann entschieden, wieder in die Freiberuflichkeit zurückzugehen und war dann ein, zwei Monate wieder Freiberufler. Genau zu dem Zeitpunkt haben sich die Streiks der Drehbuchautoren und Schauspieler in Hollywood ausgewirkt. Durch die Festanstellung hatte ich ALG-1-Anspruch und hab gedacht: Komm, jetzt nutzt du das mal. Ich war dann bei einer Beraterin, und die meinte so: „Also, Sie wollen einfach Ihre Freiberuflichkeit reaktivieren, Sie arbeiten daran und machen Akquise?“ Und ich habe geantwortet: „Ja, theoretisch schon.“ Und dann hab ich relativ spontan gesagt: „Aber eigentlich will ich das gar nicht mehr machen.“ Und habe erläutert, warum. Dann meinte sie, ich könne ein Coaching machen und hat mir alles Mögliche angeboten. Das habe ich dann auch alles genutzt und dabei gemerkt, dass ich ganz abgesehen von den Branchenschwierigkeiten, den Bedingungen, die ja immer schlimmer werden, auch weg will von dem projektweise Arbeiten. Ich wollte auch nicht mehr kreativ arbeiten. Ich habe mich gesehnt nach was Verwalterischem, weil ich gemerkt habe: Die Tage, an denen ich meine Selbstverwaltung als Selbstständiger mache, da geht es mir total gut. Das macht mir total Spaß. Ich finde das auch nicht anstrengend. Am Anfang, als ich noch genug Zeit hatte, habe ich zum Beispiel auch meine Steuer selber gemacht, fand das als Ausgleich zum Kreativen ganz gut. Ich hatte immer auch schon eine Affinität zu so was, ich bin auch so ein bisschen ein Korinthenkacker.
Und du hast auch eine Affinität zu Zahlen?
Genau, auch zu Zahlen. Dann kam bei dem Coaching raus, dass vielleicht Finanzbuchhaltung was sein könnte. Ich war erst mal total irritiert, das kam in meinem Kosmos gar nicht vor. Ich habe mich dann ein bisschen damit beschäftigt und fand es total spannend. Ich habe dann ein Jahr lang eine Fortbildung gemacht. Das hat mir total Spaß gemacht. Und seit Januar bin ich jetzt eben als Finanzbuchhalter angestellt. Das ist mental eine große Herausforderung, weil es komplett neu ist, auch wenn ich eine Affinität dafür habe. Aber es läuft auch super. Ich fühle mich da sehr wohl. Und ich verdiene, glaube ich, schon jetzt als Anfänger so viel, wie ich in meinen besten Jahren als Untertitler hatte. Und interessanterweise vermisse ich das Untertiteln auch überhaupt nicht. Sonst wär’s auch blöd. Gerade fühlt sich das gut an, mal sehen, ob das so bleibt. Ich hatte schon ganz viele Momente in den letzten ein, zwei Jahren, wo ich gedacht hab: Was machst du hier eigentlich? Ich mochte es eigentlich sehr, Freiberufler zu sein. Ich war der Typ dafür, weil ich die Freiheit genossen habe und mit der grundlegenden Unsicherheit eigentlich ganz gut leben konnte. Ich kenne zum Beispiel viele freiberufliche Kolleg*innen, die, wenn sich ein Projekt dem Abschluss nähert und sie nicht wissen, was sie als Nächstes machen, total nervös werden. Das hatte ich nie. Ich hab immer gedacht: Gott sei Dank, dann kann ich mal kurz durchatmen.
Jetzt noch die allerletzte Frage, das ist die nach dem Lieblingsprojekt. Du kannst natürlich jetzt sagen, das war „Tàr“, und nichts weiter dazu sagen. Aber falls du noch andere hattest, die du mochtest, schieß los!
Also, „Tàr“ war sicher eines der wichtigsten Projekte in meiner gesamten Karriere als Filmübersetzer. Auf alle Fälle. Aber ein richtiges Lieblingsprojekt war es wegen der ganzen Bedingungen nicht, würde ich sagen. Auch „Barbie“ und „Oppenheimer“ waren keine Lieblingsprojekte, so gar nicht. Vor allem „Oppenheimer“ nicht, weil ich den auch nicht mochte. „Barbie“ war ein ähnlicher Fall wie „Tàr“: Den mochte ich sehr, der hat mir Spaß gemacht, aber die Bedingungen waren gar nicht gut. Ich hab zwei wirkliche Lieblingsprojekte, sehr unscheinbare Sachen, die nicht besonders bekannt sind. Das eine war für Synchron, die Serie „Trust“ von Danny Boyle über die Getty-Entführung. Das ist eine ganz, ganz tolle Serie auf Englisch, Italienisch und, ich glaube, auch noch Französisch, mit einer sehr, sehr durchschnittlichen Dialogmasse. Ganz, ganz tolle Bilder, sehr, sehr berührend, sehr, sehr menschlich, ganz toll gespielt. Und es waren einfach sehr gute Arbeitsbedingungen! Da hatte ich echt viel Zeit. Ich hab das zusammen mit einem Kollegen gemacht. Das waren, glaube ich, zehn Folgen, ich hab sechs gemacht, er vier. Und wir mussten uns viel austauschen, das war ganz, ganz toll, mit einer ganz tollen Projektmanagerin bei der Interopa. Das andere Lieblingsprojekt war die OmU-Untertitelung eines ganz kleinen Independentfilms namens „Pearl“. Er handelt von einem jungen Mädchen auf dem Land zur Zeit des Ersten Weltkriegs, das sehr unter ihren konservativ-christlichen Eltern leidet. Das ist quasi eine Satire, so Technicolor-50er-Jahre-mäßig, alles sieht ein bisschen so aus wie bei „The Wizard of Oz“. Der Film hat ganz, ganz wenig Dialog, aber jeder Satz, der gesprochen wird, ist perfekt. Selbst, wenn ein Satz ganz schlicht ist, ist er trotzdem ganz genau. Und weil der Film so dialogarm war, hatte ich sehr viel Zeit und konnte an jedem Satz feilen, so lange ich wollte. Ich konnte die Arbeit auch mal weglegen, hab dann zwischendurch eine SDH-Sache zwischengeschoben, und bin noch mal rangegangen. Und das hilft sehr. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Und ich hatte auch ein sehr, sehr gutes Lektorat, das hat [AVÜ-Mitglied] Anna Pristouschek gemacht. Das war eine wirklich tolle Zusammenarbeit, obwohl wir da zum Schluss dann doch ein bisschen Zeitdruck hatten. Also, ja, meine Lieblingsprojekte sind also interessanterweise gar nicht diese „großen“ Projekte, sondern diese beiden Sachen. Die werde ich nie vergessen.
Das Gespräch führte Sonja Majumder





















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