{"id":369,"date":"2026-10-16T09:37:20","date_gmt":"2026-10-16T09:37:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/?p=369"},"modified":"2026-10-16T09:52:23","modified_gmt":"2026-10-16T09:52:23","slug":"auf-einen-kaffee-mit-andreas-gruendel-ein-gespraech-ueber-die-untertitelung-von-tar-und-berufliche-neuorientierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/?p=369","title":{"rendered":"Auf einen Kaffee \u2026 mit Andreas Gr\u00fcndel"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die\u00a0Untertitelung von \u201eT\u00e0r\u201c und berufliche Neuorientierung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andreas Gr\u00fcndel hat in Berlin Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Theater- und Filmwissenschaft studiert. Er war ab 2009 als audiovisueller \u00dcbersetzer f\u00fcr Englisch und Franz\u00f6sisch t\u00e4tig und zwar in allen Gewerken: OmU-Untertitel, SDH, \u00dcbersetzung f\u00fcr Synchron, Audiodeskription und Voiceover-\u00dcbersetzung. Zudem hat er Synchronb\u00fccher geschrieben. Andreas ist Gr\u00fcndungsmitglied unseres Verbands und war von 2015-2017 2. Vorsitzender des AV\u00dc. Im vergangenen Jahr hat er die Branche gewechselt, bleibt dem AV\u00dc zu unserer Freude aber als Mitglied erhalten.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"562\" height=\"750\" src=\"https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/andreas-2.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-372\" srcset=\"https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/andreas-2.jpeg 562w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/andreas-2-225x300.jpeg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 562px) 100vw, 562px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zun\u00e4chst wie immer die Frage nach dem Werdegang: Wie bist du zum audiovisuellen \u00dcbersetzen gekommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Urspr\u00fcnglich wollte ich am Theater arbeiten. Mein Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft war sehr fremdsprachlich ausgerichtet, weil es um den Vergleich ging, auch Komparatistik genannt. Wir mussten also Englisch und Franz\u00f6sisch im Original lesen k\u00f6nnen, und es gab auch \u00dcbersetzungsseminare. Da ging es um \u00dcbersetzungswissenschaft, also nicht um \u00dcbersetzungspraxis, aber man hat sich ganz viel mit \u00dcbersetzungen besch\u00e4ftigt. Und auch die Zwischenpr\u00fcfung bestand interessanterweise aus zwei reinen \u00dcbersetzungsklausuren, Englisch und Franz\u00f6sisch ins Deutsche, von ziemlich anspruchsvollen literaturwissenschaftlichen Texten. Mir hat das \u00dcbersetzen schon in der Schule Spa\u00df gemacht, und bei den Klausuren hab ich das dann noch mal ein bisschen mehr gemerkt. Und in der Theaterwissenschaft war es so, dass ich zwar am Theater arbeiten wollte, mich im Studium aber das ganze Filmzeugs viel mehr interessiert hat und ich mich fast nur mit Film besch\u00e4ftigt habe. Aber nach dem Studium hab ich gedacht: Du musst es probieren mit dem Theater. Ich hab dann als Regieassistent gearbeitet, in Frankfurt am Main, beim Schauspiel. Das war die absolute Katastrophe. Ich bin einfach nicht f\u00fcr diesen Theaterbetrieb gemacht. Im Studium hatte ich immer wieder mal zwei, drei Monate hospitiert. Das ging, da konnte ich mich total selbst aufgeben und hatte Spa\u00df daran. Aber das kann ich nicht dauerhaft. Ich habe einfach nicht die Energie, sechs Tage die Woche 14 Stunden zu arbeiten. Und auch nicht die Lust. F\u00fcr diese Selbstaufgabe war ich nicht bereit. Ich habe dann Hals \u00fcber Kopf gek\u00fcndigt, nach einem Jahr. Und musste mir dann \u00fcberlegen: Okay, was machst du jetzt? Und dann kam irgendwie die Idee: \u00dcbersetzen, freiberuflich nach dem ganzen Stress. Damals gab es auch den Gr\u00fcndungszuschuss von der Agentur f\u00fcr Arbeit f\u00fcr Freiberuflichkeit. Und dann kam nat\u00fcrlich sofort der Gedanke: Okay, wenn schon \u00dcbersetzen, dann willst du schon was \u00fcbersetzen, von dem du fachlich eine Ahnung hast. Und das war eben Theater und Film. Ich habe immer viel OmU geschaut und war dann nat\u00fcrlich sofort beim Untertiteln. Zun\u00e4chst habe ich alles M\u00f6gliche \u00fcbersetzt, um die Selbstst\u00e4ndigkeit \u00fcberhaupt erst aufzubauen. Und dann habe ich einen Kurs gemacht bei Titelbild in Berlin, als es die noch gab. Das war ein zweiw\u00f6chiger Untertitelungskurs bei Rebekah und Katharina Hinderer [Anm.: Rebekah Smith und Katharina Hinderer sind beide AV\u00dc-Gr\u00fcndungsmitglieder.]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Oh, du hast das Untertiteln von Rebekah und Katharina gelernt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, vor allem von den beiden. Das war 2010. Nee, 2009. Und ich habe dann noch im Anschluss ein dreimonatiges Praktikum gemacht, wo mich unter anderem auch die beiden dort betreut haben. Dann wollte ich mich irgendwann weiterentwickeln und habe Audiodeskription dazugelernt. Irgendwann auch SDH. Und Voiceover, wobei ich da eher so reingerutscht bin. Audiodeskription habe ich richtig gelernt, bei Audioskript damals. Das habe ich interessanterweise eigentlich gemacht, um mehr mit Leuten zusammenzuarbeiten, weil das damals ja immer noch Teams waren. Aber kaum hatte ich das gelernt, wurde das abgeschafft, und man hat maximal das Lektorat mit einer blinden Person gemacht. Dann kam Synchron dazu. Das war ein gro\u00dfer Aufwand, hat aber auch viel Spa\u00df gemacht. Synchron mochte ich schon sehr, das war ein ganz spannender Ausgleich zum Untertiteln. Aber es war auch sehr, sehr anstrengend. Und deswegen ist dann doch eigentlich immer das OmU-Untertiteln, also das, was ich als Erstes gelernt habe, mein bevorzugtes Gewerk geblieben. Und dann habe ich irgendwann eine Festanstellung in einer Untertitelagentur bekommen. Dort habe ich dann nur noch OmU-Untertitel gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Keine Audiodeskription mehr?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, aber das war auch okay. Ich mag das schon auch, aber ich bin damit nie so wirklich warm geworden. Meine letzten Audiodeskriptionen habe ich immer nur dann gemacht, wenn ich sie mit Silke [Anm.: Silke Nagel, ebenfalls AV\u00dc-Gr\u00fcndungsmitglied] zusammen machen konnte. Dann hat es mir Spa\u00df gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Reden wir \u00fcber deine Untertitelt\u00e4tigkeit. Du bist ja quasi der AV\u00dc-\u201eBarbenheimer\u201c, weil du sowohl \u201eBarbie\u201c als auch \u201eOppenheimer\u201c untertitelt hast. Aber ich w\u00fcrde heute gerne mit dir \u00fcber \u201eT\u00e0r\u201c sprechen, weil das Untertitel sind, die mir wahnsinnig h\u00e4ngengeblieben sind. Ich fand die wirklich brillant. Der Film ist ja sehr komplex, wahnsinnig dialoglastig, spielt in der Klassischen-Musik-Szene und ist gespickt mit Fachjargon. Daher meine erste Frage: Hattest du f\u00fcr die Bearbeitung von \u201eT\u00e0r\u201c mehr Zeit als f\u00fcr andere Filme? Und wusstest du, was da auf dich zukommt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da muss ich mal kurz \u00fcberlegen, da war ich ja angestellt. Ich mag Todd Field, den Regisseur. Der macht ja nur alle paar Jahre einen Film, und seine vorherigen mochte ich sehr. Erst hie\u00df es nur, das sei ein \u201eBerlin-Film\u201c mit Nina Hoss. Ich habe dann mal nachgeguckt und gesehen: Oh, cool, der ist von Todd Field und mit Cate Blanchett! Das war noch vor der Premiere des Films in Venedig. Und dann hatte ich richtig Bock drauf. Ich glaube, ich hatte schon ein klein bisschen mehr Zeit, weil der ja auch so lang ist, irgendwas um die 150 Minuten. Und es wird ja mehr oder weniger 150 Minuten lang durchgeredet. Zudem der Fachjargon und dann aber auch komplexe Dialoge, lauter Anspielungen und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zwei Szenen sind mir sehr im Kopf geblieben, auch wegen der Untertitel: Zum einen diese Interview-Szene am Anfang, und dann noch diese Diskussion zwischen T\u00e0r und dem Studenten \u00fcber Bach. In beiden geht es zack-zack hin und her, und beide sind gespickt mit Fachbegriffen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, die erste Szene geht fast 30 Minuten, die zweite ist, glaube ich, fast genauso lang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie war denn da dein Arbeits- und Rechercheprozess? Man muss ja verdammt viel k\u00fcrzen und den Inhalt zudem so runterbrechen, dass Leute wie ich, die keine Ahnung von klassischer Musik haben, mitkommen. Gleichzeitig muss man alle Anspielungen mitnehmen, und es darf ja auch nicht zu vage werden \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, vor allem ist das ein Film, den gucken sich logischerweise auch sehr viele Leute an, die sich auskennen. Da muss der Fachjargon schon stimmen. Und zudem geht es in \u201eT\u00e0r\u201c ganz viel um Machtmissbrauch. Und sie manipuliert und \u00fcbt Macht \u00fcber Sprache aus. Vor allem \u00fcber Fachsprache, und indem sie sich intellektuell \u00fcber jemanden stellt oder mit dieser Person intellektuell und sprachlich Schach spielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wei\u00dft du noch, wie hoch dein Rechercheaufwand war?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also, zum Recherchethema gibt es zwei Punkte. Da hatte ich zwei sehr gl\u00fcckliche Voraussetzungen. Zum einen, dass ich mich durch meine Arbeit am Theater sehr fr\u00fch auch f\u00fcr Oper interessiert habe. Und f\u00fcr klassische Musik. Und ich habe es, nachdem ich schon freiberuflicher \u00dcbersetzer war, nicht ganz lassen k\u00f6nnen mit dem Theater und hab dann noch ein bisschen an der Oper gearbeitet, teilweise als Dramaturg, und dann auch musiktheoretische Sachen gelesen. Ich kenne die Leute, habe S\u00e4nger, Musiker und Dirigenten kennengelernt. Und ich habe Freunde, die im Klassikbereich arbeiten. Also, ich hab\u2019s so ein bisschen mit der Szene. Ich mache selbst Musik, vor allem klassische Musik, habe Klarinette gespielt und nehme seit 2014 Gesangsunterricht. Ich habe also schon ein gewisses Grundwissen an Fachkenntnis und Fachjargon mitgebracht. Ich bin nat\u00fcrlich kein Musiktheoretiker oder Profimusiker. Aber ich habe halt so viel Affinit\u00e4t daf\u00fcr, dass es mir schon sehr geholfen hat. Die meisten der musikhistorischen Anspielungen habe ich nat\u00fcrlich nicht gekannt. Wenn sie einen Witz macht \u00fcber irgendwas, das Furtw\u00e4ngler gesagt hat, musste ich auch nachgucken. Aber ich habe das inhaltlich gr\u00f6\u00dftenteils alles verstanden. Zum Beispiel unterh\u00e4lt sich T\u00e0r nach diesem langen Interview im Foyer mit einer jungen Frau. Es ist ein Flirt, fast ein sexuelles Gespr\u00e4ch, aber eigentlich unterhalten sie sich die ganze Zeit \u00fcber Strawinsky, \u00fcber \u201eLe sacre du printemps\u201c, und fachsimpeln. Und ich kenne das St\u00fcck. Ich kenne die Geschichte, und wei\u00df, was damals in Paris bei der Urauff\u00fchrung passiert ist. Und ich habe das daher alles gleich ganz gut verstanden. Ich musste das nicht alles nachlesen, was ich aber teilweise nat\u00fcrlich trotzdem gemacht habe, um Details aufzufrischen. Das war also eine gute Voraussetzung. Ich wei\u00df gar nicht, ob das sonst gegangen w\u00e4re, ehrlich gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dann warst also praktisch der perfekte Untertitler f\u00fcr den Film!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, durch Zufall. Die Projektmanagerin wusste das, glaube ich, gar nicht. Sie hatte mich einfach f\u00fcr den Film eingeplant, fertig, aus. Zum zweiten bekommt man ja mittlerweile bei fast jedem Projekt als Erg\u00e4nzung zum Arbeitsmaterial das Synchronbuch. Das kannst du ja nicht wirklich benutzen. Eigentlich lege ich es meist weg, weil mich das oft nervt und eh nichts bringt. Aber hier war das wirklich ein sehr, sehr gutes Synchronbuch. Selbst wenn etwas \u00fcberhaupt nicht f\u00fcr Untertitel in Frage gekommen ist, hat es mich manchmal inspiriert: \u201eAh, guck mal, denk mal weiter in die Richtung.\u201c Vor allem war es sehr gut recherchiert. Die beiden Dialogbuchautoren hatten einen Fachberater, und der hatte sehr viele und ausf\u00fchrliche Anmerkungen reingeschrieben. Auch wirklich spezielle Sachen, bei denen ich mich kaputt recherchiert und wahrscheinlich trotzdem nichts gefunden h\u00e4tte. Das war wirklich hilfreich. Und auch das englische Skript war in diesem Fall auch echt ganz gut kommentiert, muss ich sagen. Aber dadurch hat sich nat\u00fcrlich trotzdem nicht er\u00fcbrigt, selbst im Internet zu recherchieren. Also, es waren diese drei S\u00e4ulen: klassische Recherche, meine Vorkenntnisse, und dieses Hilfsmittel des wirklich sehr gut recherchierten und fundierten Synchronbuchs. Aber nat\u00fcrlich war es trotzdem viel Arbeit. Vor allem bei diesen beiden Szenen. Da wirst du wahnsinnig, weil es so viel Textmasse ist und du einfach das Gef\u00fchl hast, gar nicht voranzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ich wei\u00df noch, bei der ersten langen Szene hab ich gedacht: Ich h\u00e4tte geheult, ich h\u00e4tte Nervenzusammenbr\u00fcche bekommen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, die hatte ich auch. Aber es ist ein extrem guter Film mit extrem guten Dialogen, er ist extrem gut gespielt, und dann macht es schon auch Spa\u00df. Aber nat\u00fcrlich bist du fix und fertig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wei\u00dft du noch, wie lange du an dieser bzw. an diesen beiden langen Szenen gesessen hast?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oh, das kann ich nicht mehr genau sagen. Aber, ich glaube, da habe ich wirklich nicht mehr als eine Filmminute pro Arbeitsstunde geschafft. Also Rohfassung. Wahrscheinlich sogar noch weniger. Und wenn ich dann noch \u00fcberlege, dass das \u00dcberarbeiten dazukommt, dann kannst du dir ja ausrechnen\u2026 F\u00fcr diese erste Szene, die wirklich fast 30 Minuten lang ist, habe ich drei Tage allein an der Erstfassung gearbeitet. Dazu muss man sagen: Ich bin leider nicht der Typ, der schnell einmal durch ist und dann in Ruhe \u00fcberarbeitet. Bei der \u00dcberarbeitung mache ich echt nur noch Feinheiten. Der zweite Durchgang ist bei mir daher eigentlich viel k\u00fcrzer im Vergleich zum ersten. Aber ich glaube, bei dem Film w\u00e4re es echt auch schwierig gewesen, anders zu arbeiten. Du konntest da gar nicht so schnell dr\u00fcber. Zumal es schon am Anfang teilweise sehr unterschwellige Untert\u00f6ne und Anspielungen gibt, die m\u00fcssen dann sp\u00e4ter aufgegriffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hast du dir in diesem Fall den Film erst mal angeschaut, bevor du losgelegt hast mit der Arbeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gute Frage, wei\u00df ich nicht mehr. Eigentlich mache ich das nicht. Erstens, weil ich eigentlich nie die Zeit daf\u00fcr habe. Und als Freiberufler wirst du nicht daf\u00fcr bezahlt. Aber es kann schon sehr gut sein, dass ich mir in diesem Fall den Film vorher angeschaut habe. Vom Gef\u00fchl her w\u00fcrde ich fast sagen, ich habe es gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hast du dann tats\u00e4chlich nur zwei Durchg\u00e4nge gemacht, oder musstest du in diesem Fall noch einen dritten dranh\u00e4ngen oder vielleicht sogar noch weitere, zumindest partiell?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich meine, es war so, dass ich ein paar Stellen hatte, die ich dann noch mal ein drittes Mal gecheckt habe. Und ich habe mir die lektorierte Version angeguckt &#8211; was eigentlich in diesem Fall im Workflow nicht so vorgesehen war, vor allem aus zeitlichen Gr\u00fcnden &#8211; und dann Feedback gegeben. Dann hat sich die Produktion die Untertitel angesehen und auch noch mal \u00c4nderungen vorgenommen. Die waren teilweise auch echt gut, es waren aber auch ein, zwei Sachen dabei, wo ich dachte: Nein, das h\u00e4tte ich nicht gemacht. Aber das muss man dann so akzeptieren. Allerdings habe ich im Kino dann gesehen, dass man offenbar nicht wollte, dass einzelne \u201eYes\u2018\u201c und \u201eNos\u201c oder \u201eOkays\u201c untertitelt werden. Und dann wurden diese Untertitel wahrscheinlich in einem sp\u00e4teren Schritt einfach rausgeschmissen. Und was dabei passiert ist: Manchmal hast du ja so, \u201eJa \u2026\u201c , oder \u201eJa,\u201c, und im n\u00e4chsten Untertitel geht der Satz weiter. Und der fing dann halt leider kleingeschrieben an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das ist mir \u00fcberhaupt nicht aufgefallen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Leuten, mit denen ich im Kino war, auch nicht. Aber das war schon etwas, das mich etwas ge\u00e4rgert hat. Ich bin nat\u00fcrlich total froh, den Film gemacht haben zu d\u00fcrfen. Es hat mir auch sehr viel Spa\u00df gemacht, in diesen Film so einzutauchen, so viel zu entdecken, so viele raffinierte Ideen, und auch so viel zu lernen \u00fcber klassische Musik. Aber von den Arbeitsbedingungen her war es nicht unbedingt ein sch\u00f6nes Projekt. Muss man einfach auch mal so klar sagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Du hast dich, wie leider immer mehr Kolleg*innen, zu unserem gro\u00dfem Bedauern vor einiger Zeit dazu entschieden, dich beruflich umzuorientieren \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe irgendwann gemerkt, dass mich die Branche extrem nervt. Und dass mir die Arbeit, mit der ich mich jahrelang identifiziert habe, die mir ganz viel gegeben hat, trotz des schwierigen, anspruchsvollen freiberuflichen Daseins, teilweise gar keinen Spa\u00df mehr gemacht hat. Wirklich auch die Arbeit selbst nicht mehr. Dann kam das Angebot der Festanstellung, und da dachte ich: Ich probiere das mal. Mal gucken, vielleicht ver\u00e4ndert das was. Das hat es aber ehrlich gesagt nur noch schlimmer gemacht, weil ich da nat\u00fcrlich v\u00f6llig ungefiltert diesen ganzen Branchenkram mitgekriegt habe. Witzigerweise h\u00e4tte ich gedacht, man ist da eher so ein bisschen gesch\u00fctzt. In gewisser Weise ist man das auch. Aber nat\u00fcrlich kriegst du es halt viel direkter mit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Stimmt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann war das auch sehr stressbelastet. Ich habe dann entschieden, wieder in die Freiberuflichkeit zur\u00fcckzugehen und war dann ein, zwei Monate wieder Freiberufler. Genau zu dem Zeitpunkt haben sich die Streiks der Drehbuchautoren und Schauspieler in Hollywood ausgewirkt. Durch die Festanstellung hatte ich ALG-1-Anspruch und hab gedacht: Komm, jetzt nutzt du das mal. Ich war dann bei einer Beraterin, und die meinte so: \u201eAlso, Sie wollen einfach Ihre Freiberuflichkeit reaktivieren, Sie arbeiten daran und machen Akquise?\u201c Und ich habe geantwortet: \u201eJa, theoretisch schon.\u201c Und dann hab ich relativ spontan gesagt: \u201eAber eigentlich will ich das gar nicht mehr machen.\u201c Und habe erl\u00e4utert, warum. Dann meinte sie, ich k\u00f6nne ein Coaching machen und hat mir alles M\u00f6gliche angeboten. Das habe ich dann auch alles genutzt und dabei gemerkt, dass ich ganz abgesehen von den Branchenschwierigkeiten, den Bedingungen, die ja immer schlimmer werden, auch weg will von dem projektweise Arbeiten. Ich wollte auch nicht mehr kreativ arbeiten. Ich habe mich gesehnt nach was Verwalterischem, weil ich gemerkt habe: Die Tage, an denen ich meine Selbstverwaltung als Selbstst\u00e4ndiger mache, da geht es mir total gut. Das macht mir total Spa\u00df. Ich finde das auch nicht anstrengend. Am Anfang, als ich noch genug Zeit hatte, habe ich zum Beispiel auch meine Steuer selber gemacht, fand das als Ausgleich zum Kreativen ganz gut. Ich hatte immer auch schon eine Affinit\u00e4t zu so was, ich bin auch so ein bisschen ein Korinthenkacker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und du hast auch eine Affinit\u00e4t zu Zahlen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau, auch zu Zahlen. Dann kam bei dem Coaching raus, dass vielleicht Finanzbuchhaltung was sein k\u00f6nnte. Ich war erst mal total irritiert, das kam in meinem Kosmos gar nicht vor. Ich habe mich dann ein bisschen damit besch\u00e4ftigt und fand es total spannend. Ich habe dann ein Jahr lang eine Fortbildung gemacht. Das hat mir total Spa\u00df gemacht. Und seit Januar bin ich jetzt eben als Finanzbuchhalter angestellt. Das ist mental eine gro\u00dfe Herausforderung, weil es komplett neu ist, auch wenn ich eine Affinit\u00e4t daf\u00fcr habe. Aber es l\u00e4uft auch super. Ich f\u00fchle mich da sehr wohl. Und ich verdiene, glaube ich, schon jetzt als Anf\u00e4nger so viel, wie ich in meinen besten Jahren als Untertitler hatte. Und interessanterweise vermisse ich das Untertiteln auch \u00fcberhaupt nicht. Sonst w\u00e4r\u2019s auch bl\u00f6d. Gerade f\u00fchlt sich das gut an, mal sehen, ob das so bleibt. Ich hatte schon ganz viele Momente in den letzten ein, zwei Jahren, wo ich gedacht hab: Was machst du hier eigentlich? Ich mochte es eigentlich sehr, Freiberufler zu sein. Ich war der Typ daf\u00fcr, weil ich die Freiheit genossen habe und mit der grundlegenden Unsicherheit eigentlich ganz gut leben konnte. Ich kenne zum Beispiel viele freiberufliche Kolleg*innen, die, wenn sich ein Projekt dem Abschluss n\u00e4hert und sie nicht wissen, was sie als N\u00e4chstes machen, total nerv\u00f6s werden. Das hatte ich nie. Ich hab immer gedacht: Gott sei Dank, dann kann ich mal kurz durchatmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Jetzt noch die allerletzte Frage, das ist die nach dem Lieblingsprojekt. Du kannst nat\u00fcrlich jetzt sagen, das war \u201eT\u00e0r\u201c, und nichts weiter dazu sagen. Aber falls du noch andere hattest, die du mochtest, schie\u00df los!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also, \u201eT\u00e0r\u201c war sicher eines der wichtigsten Projekte in meiner gesamten Karriere als Film\u00fcbersetzer. Auf alle F\u00e4lle. Aber ein richtiges Lieblingsprojekt war es wegen der ganzen Bedingungen nicht, w\u00fcrde ich sagen. Auch \u201eBarbie\u201c und \u201eOppenheimer\u201c waren keine Lieblingsprojekte, so gar nicht. Vor allem \u201eOppenheimer\u201c nicht, weil ich den auch nicht mochte. \u201eBarbie\u201c war ein \u00e4hnlicher Fall wie \u201eT\u00e0r\u201c: Den mochte ich sehr, der hat mir Spa\u00df gemacht, aber die Bedingungen waren gar nicht gut. Ich hab zwei wirkliche Lieblingsprojekte, sehr unscheinbare Sachen, die nicht besonders bekannt sind. Das eine war f\u00fcr Synchron, die Serie \u201eTrust\u201c von Danny Boyle \u00fcber die Getty-Entf\u00fchrung. Das ist eine ganz, ganz tolle Serie auf Englisch, Italienisch und, ich glaube, auch noch Franz\u00f6sisch, mit einer sehr, sehr durchschnittlichen Dialogmasse. Ganz, ganz tolle Bilder, sehr, sehr ber\u00fchrend, sehr, sehr menschlich, ganz toll gespielt. Und es waren einfach sehr gute Arbeitsbedingungen! Da hatte ich echt viel Zeit. Ich hab das zusammen mit einem Kollegen gemacht. Das waren, glaube ich, zehn Folgen, ich hab sechs gemacht, er vier. Und wir mussten uns viel austauschen, das war ganz, ganz toll, mit einer ganz tollen Projektmanagerin bei der Interopa. Das andere Lieblingsprojekt war die OmU-Untertitelung eines ganz kleinen Independentfilms namens \u201ePearl\u201c. Er handelt von einem jungen M\u00e4dchen auf dem Land zur Zeit des Ersten Weltkriegs, das sehr unter ihren konservativ-christlichen Eltern leidet. Das ist quasi eine Satire, so Technicolor-50er-Jahre-m\u00e4\u00dfig, alles sieht ein bisschen so aus wie bei \u201eThe Wizard of Oz\u201c. Der Film hat ganz, ganz wenig Dialog, aber jeder Satz, der gesprochen wird, ist perfekt. Selbst, wenn ein Satz ganz schlicht ist, ist er trotzdem ganz genau. Und weil der Film so dialogarm war, hatte ich sehr viel Zeit und konnte an jedem Satz feilen, so lange ich wollte. Ich konnte die Arbeit auch mal weglegen, hab dann zwischendurch eine SDH-Sache zwischengeschoben, und bin noch mal rangegangen. Und das hilft sehr. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Und ich hatte auch ein sehr, sehr gutes Lektorat, das hat [AV\u00dc-Mitglied] Anna Pristouschek gemacht. Das war eine wirklich tolle Zusammenarbeit, obwohl wir da zum Schluss dann doch ein bisschen Zeitdruck hatten. Also, ja, meine Lieblingsprojekte sind also interessanterweise gar nicht diese \u201egro\u00dfen\u201c Projekte, sondern diese beiden Sachen. Die werde ich nie vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><br>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Sonja Majumder<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die\u00a0Untertitelung von \u201eT\u00e0r\u201c und berufliche Neuorientierung Andreas Gr\u00fcndel hat in Berlin Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Theater- und Filmwissenschaft studiert. Er war ab 2009 als audiovisueller \u00dcbersetzer f\u00fcr Englisch und Franz\u00f6sisch t\u00e4tig und zwar in allen Gewerken: OmU-Untertitel, SDH, \u00dcbersetzung f\u00fcr Synchron, Audiodeskription und Voiceover-\u00dcbersetzung. Zudem hat er Synchronb\u00fccher geschrieben. Andreas ist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[96,92],"tags":[],"class_list":["post-369","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-auf-einen-kaffee","category-untertitel-handwerk","post-preview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=369"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":382,"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369\/revisions\/382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}