{"id":319,"date":"2026-08-27T14:43:02","date_gmt":"2026-08-27T14:43:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/?p=319"},"modified":"2026-08-27T17:36:22","modified_gmt":"2026-08-27T17:36:22","slug":"auf-einen-kaffee-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/?p=319","title":{"rendered":"Auf einen Kaffee &#8230;"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-right has-larger-font-size\">\u2026 <strong>mit Katrin Meyberg<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" style=\"font-size:20px\"><strong>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Untertiteln aus dem Chinesischen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Katrin Meyberg lebt in Berlin und ist seit 2005 als audiovisuelle \u00dcbersetzerin mit den Arbeitssprachen Englisch, Franz\u00f6sisch und Chinesisch t\u00e4tig. Ihre Arbeit umfasst die Gewerke OmU-Untertitel, Voiceover-\u00dcbersetzung, \u00dcbersetzung f\u00fcr Synchron sowie Audiodeskription. Zudem erstellt und f\u00e4hrt sie \u00dcbertitel f\u00fcr Theaterh\u00e4user in Berlin. Mit der Schaub\u00fchne und dem Berliner Ensemble war sie im Oktober 2024 als \u00dcbertitlerin in Taiwan. Im Mai 2026 hat sie das Berliner Ensemble erneut bei deren Gastspiel nach Taipeh begleitet. Katrin ist seit 2017 AV\u00dc-Mitglied und war vier Jahre lang Teil des Vorstands.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/KatrinMeyberg1-2-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-327\" srcset=\"https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/KatrinMeyberg1-2-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/KatrinMeyberg1-2-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/KatrinMeyberg1-2-676x901.jpg 676w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/KatrinMeyberg1-2.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie bist du zum audiovisuellen \u00dcbersetzen gekommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe eigentlich schon in meinem Studium damit angefangen. Ich habe Sprachen studiert: Anglistik-Amerikanistik an der Humboldt-Universit\u00e4t im Hauptfach und im Nebenfach Franz\u00f6sisch und Europ\u00e4ische Ethnologie. 2002 habe ich ein Praktikum gemacht, bei Alias Film in Charlottenburg. Das war super. Ich habe nat\u00fcrlich am Anfang auch Kaffee gekocht und gelernt, wie man den perfekten Milchschaum macht und das Archiv aufger\u00e4umt und so. Aber es war eine tolle Erfahrung. Das B\u00fcro war in einer riesigen Charlottenburger Altbauwohnung mit f\u00fcnf Meter hohen Decken und alten Kaminen. Und die Leute waren nett. Da gingen auch Filmemacher ein und aus, das war beeindruckend als damals Anfang 20-J\u00e4hrige. Zun\u00e4chst habe ich kleinere Sachen gemacht. Ich musste zum Beispiel VHS-Kassetten verschicken, zu Arte nach Stra\u00dfburg. Damals lief alles \u00fcber DigiBetas und VHS. Wir hatten riesige Maschinen zum Untertiteln, die an DOS-Rechner angeschlossen waren. Man hatte einen super Sound und konnte nichts falsch machen, es war alles sch\u00f6n manuell. Das Tolle war: Es gab dort eine angestellte Untertitlerin, und der durfte ich \u00fcber die Schulter gucken. Sie hat mich auch immer gefragt, was ich denke und wie ich k\u00fcrzen w\u00fcrde. Irgendwann hat sie mir die Funktionen gezeigt. Die waren relativ einfach zu lernen, weil es nicht so viele gab. Das war super, weil man sich auf das Wesentliche konzentrieren konnte. Ich hab also w\u00e4hrend dieses Praktikums das Untertiteln gelernt. Und nach dem Praktikum wollte die Kollegin gerne, dass ich weitermache, ihr ein bisschen zur Hand gehe, weil sie einfach viel zu tun hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hattest du dich bewusst f\u00fcr ein Praktikum dort entschieden, weil das was mit Film zu tun hatte, oder war das Zufall?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war Zufall. Die Firma geh\u00f6rte der Tante meiner Freundin Janna [Anm.: AV\u00dc-Mitglied Janna D\u00fcringer], und wenn irgendwie Not am Mann war, half sie dort ein bisschen neben dem Studium aus. Irgendwann meinte sie: \u201eKatrin, mach du das doch\u201c. Zumal sie auch nicht aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt, und die hatten oft franz\u00f6sische Projekte, weil sie viel f\u00fcr Arte gearbeitet haben. Es war also wirklich Zufall \u2013 ein gl\u00fccklicher Zufall. Dann war aber geplant, dass ich nach meinem Grundstudium ein Jahr ins Ausland gehe. Ich bin dann nach Stra\u00dfburg gegangen, ausgerechnet. Und als ich zur\u00fcckkam, haben sie mir nach und nach eigene Auftr\u00e4ge gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hast du da frei gearbeitet, oder warst du angestellt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frei, ich war dort nie angestellt. Es war schon nett da. Einmal kam beispielsweise Valeska Grisebach mit einem deutschen Film, der englische Untertitel brauchte. Ich sollte mit ihr, glaube ich, die Abnahme machen, gemeinsam mit einem englischen Kollegen. Und dann stellte sich heraus: Sie hatte im Dorf meiner Oma gedreht! Sie hatte viel mit Laiendarstellern gearbeitet, und meine Tante war in dem Film \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nein! Dann siehst du da pl\u00f6tzlich deine Verwandtschaft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Personal meiner Kindheit tauchte auf dem Bildschirm auf! Und sie meinte so: \u201eAch, das ist ja auch eine ganz sch\u00f6ne Frau.\u201c \u2013 \u201eDas ist meine Oma!\u201c Und meine Tante stand da an so einer Kaffeetafel mit einer Flasche Spr\u00fchsahne. Es war total absurd. Lange habe ich fast ausschlie\u00dflich f\u00fcr diese Firma \u00fcbersetzt und untertitelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>War f\u00fcr dich da auch schon klar, dass du nach deinem Studienabschluss deinen Nebenjob zum Hauptjob machen m\u00f6chtest? Oder hast du gedacht: Na ja, mal gucken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, eigentlich schon. Ich habe das total gerne gemacht. Nat\u00fcrlich habe ich gemerkt: Also, so gut verdient man damit nicht, und manchmal gibt es Flauten. Aber ich war eigentlich ganz gut angebunden. Und ich konnte mir auch nicht so richtig was anderes vorstellen. Manchmal dachte ich schon: Ach, das ist jetzt aber auch ein bisschen bequem. Jetzt bleibe ich hier und mache nichts anderes, und irgendwas entgeht mir vielleicht. Aber irgendwie war das voll meins, es hat total gepasst. Nach dem Studium habe ich dann ein Jahr voll gearbeitet. Und dann dachte ich: Okay, jetzt bin ich Ende 20, vielleicht muss ich doch noch was anderes machen. Und ich wollte nochmal ins Ausland. Das war aber alles ein bisschen unspezifisch. Dann habe ich eine Freundin in Taiwan besucht, die Sinologin ist und dort studiert hat. Und ich war total geflasht von Taiwan und von Taipeh. Dann habe ich Leute kennengelernt, die dort Chinesisch gelernt haben und erfahren, dass es Stipendien gibt, die Taiwan an Ausl\u00e4nder vergibt, die dort f\u00fcr ein Jahr Chinesisch lernen, und denen auch noch genug Taschengeld gibt, dass sie da ganz gut leben k\u00f6nnen. Und dann habe ich mir das in den Kopf gesetzt, bin zur\u00fcckgeflogen und dachte: Okay, jetzt bewerbe ich mich da auch. Aber diese Stipendien waren vor allem f\u00fcr Amerikaner, weil die USA mit Taiwan damals viel engere politische Beziehungen pflegten, und f\u00fcr Deutschland gab es genau zwei Pl\u00e4tze. Von denen ich keinen bekommen habe. Ich war ziemlich entt\u00e4uscht, aber dann dachte ich: Egal, ich mache es trotzdem. Und dann habe ich mich dort an der Uni f\u00fcr ein Sprachprogramm eingeschrieben, einen Intensivkurs, der \u00fcber mehrere Monate ging. Und dann war ich da, an der gro\u00dfen Uni in Taipeh mit dem sch\u00f6nen Campus und habe jeden Tag drei, vier Stunden Chinesisch gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und wie lange warst du dann in Taiwan?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neun Monate insgesamt. Ich hatte mir ein halbes Jahr vorgenommen, aber es war so eine tolle Zeit, ich habe so nette Menschen kennengelernt. Nach neun Monaten ging mir die Kohle aus. Und da war auch die \u00dcberlegung: Ich kann jetzt hier nicht einfach immer nur ewig Chinesisch lernen, ich muss ja auch irgendwie arbeiten. Und dann bin ich ein bisschen gepl\u00e4ttet wieder abgereist und hab echt geheult im Flugzeug. Ich glaube, ich habe noch nie etwas gemacht, bei dem ich innerlich so angetrieben war. Ich wollte das so unbedingt. Nach meiner R\u00fcckkehr hab ich relativ schnell entschieden: Ich muss wieder zur\u00fcck. Ich habe dann das inzwischen eingef\u00fchrte Work-and-Travel-Visum erhalten, f\u00fcr ein Jahr, und mich erst einmal wieder an der Uni eingeschrieben. Und dann habe ich eine Stelle gefunden, als \u00dcbersetzerin aus dem Englischen ins Deutsche bei einer gro\u00dfen Gaming-Firma. Inhaltlich war das zwar nicht so meins, aber uns ging es da ziemlich gut, und ich hatte die feste Stelle, die ich brauchte, um in Taiwan bleiben zu k\u00f6nnen. Das habe ich dann ein paar Jahre gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie lange warst du dann nochmal da?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war dann nochmal drei Jahre in Taipeh. Es waren insgesamt also fast vier mit der ersten Zeit als Studentin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bist du dann zur\u00fcckgekehrt mit der \u00dcberlegung im Hinterkopf: Ich habe jetzt noch eine dritte Sprache, also Chinesisch, die ich als audiovisuelle \u00dcbersetzerin anbieten kann?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst war ich noch in Hongkong. Ich hatte in Taiwan meinen Freund kennengelernt, der ist aus Hongkong. Und dann bin ich zu ihm gezogen und hab da noch ein Jahr gelebt. Dort habe ich ein bisschen Kantonesisch gelernt, aber das war schwer anzuwenden, weil dort viel mehr Leute Englisch sprechen als in Taiwan. In Hongkong habe ich dann eine Zeit lang transkribiert f\u00fcrs Gericht, englische Zeugenprotokolle. Dadurch habe ich eine unglaubliche Toleranz entwickelt beim Abh\u00f6ren, auch wenn ich das nicht gerne mache. Nach einer Weile wusste ich, das ist kein Job, den ich mein Leben lang machen m\u00f6chte. Und dann habe ich irgendwann \u00fcberlegt: Okay, entweder bleibe ich in Asien, f\u00fcr immer, oder ich muss mal langsam dar\u00fcber nachdenken, ob ich nicht zur\u00fcck nach Berlin gehe. F\u00fcr mich war eigentlich klar: In Hongkong kann man nicht leben ohne einen Business-Background, und den hatte ich absolut nicht und auch keine Ambitionen, mich da einzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Inwiefern unterscheidet sich deine Arbeitsweise, wenn du aus dem Chinesischen \u00fcbersetzt im Vergleich zu Englisch oder Franz\u00f6sisch? Hast du identische Arbeitsmaterialien? Bei Hindi-Projekten war es zum Beispiel lange so, dass Materialien fehlten, die man f\u00fcr englische Projekte bekommt. Eine Conti zum Beispiel. Man hatte dann irgendein Transkript, das aber nur bedingt mit den tats\u00e4chlichen Dialogen im Film \u00fcbereinstimmte. Ist das bei chinesischen Filmen \u00e4hnlich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Materiallage ist \u00e4hnlich, das kommt total drauf an, leider. Ich habe auch schon Filme z\u00e4hneknirschend \u00fcbersetzt, ohne dass ich ein Skript hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Oh, du hast komplett abh\u00f6ren m\u00fcssen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Na ja, ich hatte vielleicht eine englische Untertitelliste oder so. Manchmal gibt es auch tats\u00e4chlich eine chinesische Untertitelliste. Aber oft habe ich irgendein Skript, bei dem dann ganz viel fehlt. An kritischen Stellen sind dann L\u00fccken, weil die Person, die es abgeh\u00f6rt hat, auch nicht weiterkam. Das liegt aber auch daran, dass Chinesisch unglaublich viele Variet\u00e4ten hat, also Dialekte. China ist einfach ein Riesenland, und nicht alle sprechen Hochchinesisch, und schon gar nicht in den Filmen, die bei mir landen. Das sind oft Festivalfilme, kleine Filme, deren Besonderheit ist, dass sie auf dem Land oder in einer ganz bestimmten Region spielen. Ich habe also deswegen oft kein Hochchinesisch vor mir, und dann ist es nat\u00fcrlich besonders heikel, wenn das Skript nicht gut ist. Bevor ich einen Auftrag annehme, sage ich auch immer an, dass ich erst in den Film reinschauen muss, ob ich das \u00fcberhaupt verstehen kann, und dass ich ein Transkript brauche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neulich habe ich einen taiwanischen Dokumentarfilm untertitelt, in dem ein Protagonist einen Sprachfehler hatte, und bei Dokumentarfilmen ist die Materiallage ja meist noch schwieriger. Da musste ich mich ganz lange reinh\u00f6ren. Das ist wirklich nicht einfach. Solche Sachen halten mich regelm\u00e4\u00dfig auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und was sind die besonderen sprachlichen Herausforderungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sprache ist einfach sehr kontextuell, und das ist der Unterschied zum Englischen und Franz\u00f6sischen. Es gibt oft kein Subjekt in einem Satz. Da muss ich erst mal \u00fcberlegen, wer spricht, oder wer ist angesprochen? Gerade, wenn eh schon unklar ist, wer da mit wem redet, wird es schwierig. Die H\u00f6flichkeitsformen und Anreden sind nat\u00fcrlich ganz anders. Dann gibt es eben auch Sachen, die man eigentlich vermeiden m\u00f6chte. Ich will nicht jedes Mal \u201eBruder Wang\u201c schreiben, auch wenn das der Bruder ist, oder \u201eMeister sowieso\u201c. Das ist aber erst mal auch wichtig, um ein Verh\u00e4ltnis klarzustellen. Da muss man also abw\u00e4gen, denn im Deutschen gibt es Siezen und Duzen. Im Chinesischen gibt es auch eine Form f\u00fcr ein h\u00f6fliches Sie, die wird aber eher selten verwendet. Das dr\u00fcckt sich dann eben anders aus, durch bestimmte Floskeln zum Beispiel. Und dann gibt es viele Homophone, also viele Worte, die gleich klingen, aber etwas ganz anderes bedeuten. Und es gibt Zeichen, die wiederum je nach Kontext unterschiedlich ausgesprochen werden und dann auch unterschiedliche Sachen meinen. Dieses Kontextuelle ist beim Chinesischen die gro\u00dfe Schwierigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und wenn dann noch dazukommt, dass du abh\u00f6ren musst oder ein unvollst\u00e4ndiges Skript hast &#8230; Also eigentlich br\u00e4uchtest du<\/strong> <em><strong>mehr<\/strong><\/em> <strong>Material als bei einem \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau. Und auch mehr Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ja!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und mehr Geld.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das auch! Kriegst du denn f\u00fcr einen chinesischen Film mehr Zeit als f\u00fcr einen englischen oder franz\u00f6sischen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, nicht per se. Das kommt immer drauf an. Wenn der Film f\u00fcr ein Festival ist, ist die Zeit immer knapp. Also nein, eigentlich nicht. Wenn ich Gl\u00fcck habe, werden die Sachen relativ fr\u00fch angek\u00fcndigt. Aber bei den letzten Filmen, die ich gemacht habe, war die Zeit immer relativ knapp. Und f\u00fcr \u201eMonster Hunt 2\u201c zum Beispiel habe ich damals zehn Tage Zeit gehabt, vom Erhalten des Bilds bis zur Ablieferung. Und das war \u2026 sportlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00dcber diesen Film w\u00fcrde ich gerne noch kurz mit dir sprechen. Ich hab ihn mit einer Kollegin auf der Berlinale gesehen, ich glaube, das war 2018. Ich wusste \u00fcberhaupt nicht, was mich da erwartet und bin vor allem reingegangen, weil ich ein gro\u00dfer Tony Leung-Fan bin. Und wir sind fast vom Stuhl gefallen vor Lachen. Der Film ist ja so eine \u00fcberdrehte Fantasy-Kom\u00f6die, und Humor ist grunds\u00e4tzlich tricky zu \u00fcbersetzen. Beim Untertiteln muss man zudem noch k\u00fcrzen und kondensieren. Und dann gibt es ja einfach auch kulturspezifischen Humor, der manchmal nicht gut \u00fcbertragbar ist oder nur so bedingt funktioniert. Erinnerst du dich daran, wie du an diesen Film herangegangen bist, damit es f\u00fcr ein deutsches Publikum Sinn macht UND lustig ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Film war unglaublich schnell geschnitten. Ich habe erst auch total kurze Untertitel gemacht, um nicht st\u00e4ndig \u00fcber den Schnitt zu titeln. Ich wei\u00df noch, dass es nachher im Lektorat hie\u00df: \u201eWir m\u00fcssen da l\u00e4ngere Einheiten draus machen.\u201c Ich war damit echt \u00fcberfordert, weil die meisten Filme f\u00fcr Festivals ja oft auch eher lange Einstellungen haben. Bei chinesischen Filmen hatte ich noch nicht so oft das Problem, dass sie flott geschnitten sind. Und jeder Satz ein Treffer sein muss. Das war nicht einfach. Und der Humor funktioniert im Chinesischen oft auch \u00fcber so kurze Spr\u00fcche, sogenannte Chengyus. Das sind Redewendungen, die aus vier Zeichen bestehen und eine tiefe Bedeutung haben, die man aber unm\u00f6glich in der K\u00fcrze der Zeit, die ein Untertitel stehen kann, \u00fcbersetzen kann. Die sind allgemein bekannt und werden st\u00e4ndig benutzt, auch im Alltag, und dieser Film war voll davon. Und dann gab es diesen Sprachwitz, dass zwei Zeichen, die gleich klingen, aber unterschiedlich geschrieben werden und unterschiedliche Bedeutungen haben, ausgetauscht werden, um einen Witz zu erzeugen. Manchmal muss man nat\u00fcrlich einfach dar\u00fcber hinweggehen und an anderer Stelle witzig sein, oder zumindest versuchen, diesen Slapstick-Humor zu vermitteln. Dann gab es so eine Fu\u00dfballszene, da musste ich mir dann Fu\u00dfballsachen draufschaffen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<strong>Kurzpass!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau! Hier ein Pass und da noch irgendwas, und ich bin \u00fcberhaupt keine Fu\u00dfballerin. Beim Chinesischen muss man zudem immer viel k\u00fcrzen. Es wird ein Satz gesagt, aber im Deutschen ist nur Zeit f\u00fcr ein Wort. Bei \u201eMonster Hunt 2\u201c war das extrem schwer, weil kein Platz da war, dieses Schnelle und Pr\u00e4gnante hinzubekommen und dabei irgendwie witzig zu sein. Ich glaube, man muss sich oft wirklich sehr weit weg vom Original entfernen und versuchen, so eine situative Komik anders einzufangen. Nat\u00fcrlich w\u00e4lze ich mich erst durch die Originaltexte, um zu gucken, was da genau gemeint ist. Und wenn ich nicht auf Anhieb eine \u00dcbersetzung finde und wei\u00df, ich muss hier ganz tief reingehen, dann ist das meistens schon ein Zeichen daf\u00fcr, dass ich daf\u00fcr in den Untertiteln keinen Platz haben werde und mir was anderes \u00fcberlegen muss. Einerseits ist das dann weiter weg vom Original, andererseits ist das aber gerade wichtig beim Chinesischen, damit man nicht so eine wahnsinnig metapherlastige, blumige Sprache transportiert, die im Deutschen nicht funktioniert. Und das ist f\u00fcr mich, glaube ich, immer der Anspruch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Brauchst du, wenn du einen chinesischen Film untertitelst, mehr Durchg\u00e4nge? Um einen Abstand zu bekommen, dann nochmal reinzugehen und zu merken, okay, hier muss ich doch freier werden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau. Das ist genau der Grund, warum es l\u00e4nger dauert. Und ich halte dann auch mehr R\u00fccksprache. In so einer Situation suche ich mir auf jeden Fall muttersprachliche Hilfe. Das habe ich bei Englisch und Franz\u00f6sisch viel, viel weniger. Da gibt es das auch mal, aber da ist es einfach kulturell nicht so, dass ich denke: Oh, hier k\u00f6nnte ich richtig danebenliegen. Gerade in einem Film wie \u201eMonster Hunt 2\u201c gibt es ja auch diese Mythen, diese chinesischen Legenden, die Philosophie, das spielt alles im Hintergrund mit. Das hat alles eine Bedeutung. Das kann ich nat\u00fcrlich nicht ausbreiten, aber bei einem Chinesen, der den Film sieht, l\u00e4uft dieser ganze Hintergrund mit. Und das ist ja beim deutschen Publikum anders. Und das hei\u00dft dann, der Film wird anders rezipiert, aber das ist dann so. Ich kann ja keine Fu\u00dfnoten machen. Das so zu abstrahieren, zu wissen, \u201eokay, diese Figur muss ich irgendwie reinbringen\u201c, oder \u201eder muss zumindest immer noch so hei\u00dfen, weil das ein literarischer Bezug ist\u201c \u2013 das ist ein wichtiger Teil der \u00dcbersetzungsarbeit. Namen sind auch nochmal eine andere, eigene Schwierigkeit im Chinesischen. Wegen all dieser Herausforderungen habe ich auch bei jedem Film, der mir angeboten wird, einen Riesenrespekt und gucke ihn mir erstmal ganz genau an. Und ich versuche, mir jedes Mal dar\u00fcber klarzuwerden, worauf ich mich einlasse. Manchmal liegt man auch daneben, und dann k\u00e4mpft man halt mehr. Ich habe auch eine gute Kollegin, mit der ich gerne zusammenarbeite, eine Chinesin. In einen Austausch zu gehen, ist dann unglaublich wertvoll. Aber die Zeit muss man eben auch haben, und das ist ja manchmal das Problem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Frage ist auch: Wird das extra bezahlt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich nehme ich das meistens auf meine Kappe. Es ist schwierig, das nochmal beim Kunden anzumelden, wenn es am Ende irgendwie hakt. In solche Projekte flie\u00dft eben viel Herzblut. Und trotzdem mache ich sie einfach total gerne. Man w\u00e4chst auch unglaublich an diesen Filmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kommen wir schon zur letzten Frage, die nach deinem Lieblingsprojekt. Du musst nichts Chinesisches nennen. Einfach irgendwas, an dem du besonders gern gearbeitet hast.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Film \u201eCooking Up Democracy\u201c von Monika Treut \u00fcber die Demokratie Taiwans \u2013 der wird dieses Jahr bestimmt ins Kino kommen \u2013 hat mir unglaublich viel Spa\u00df gemacht. Das liegt nat\u00fcrlich an meiner Schw\u00e4che und Nostalgie f\u00fcr Taiwan. Da h\u00e4nge ich immer noch dran, obwohl es jetzt schon lange her ist, dass ich dort gelebt habe. Aber sobald mir ein taiwanischer Film angeboten wird, bin ich immer Feuer und Flamme. Die Filmemacherin versucht wirklich zu begreifen, wie die Menschen in Taiwan ticken, wenn es auch gerade trotz ihrer politischen Situation darum geht, die Demokratie zu st\u00e4rken. Sie sind so unter Druck in Bezug auf China und dem ganzen geopolitischen Schlamassel, in dem sie stecken. Und sie hat ganz tolle Protagonist*innen, denen sie viel Raum gibt. Sie hat wunderbar eingefangen, wie es f\u00fcr die Leute vor Ort m\u00f6glich ist, unter der Bedrohung ein normales Leben zu f\u00fchren und wie sie einen Umgang damit finden, wie lebendig dort Demokratie gelebt wird, trotz allem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><br>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Sonja Majumder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 mit Katrin Meyberg Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Untertiteln aus dem Chinesischen Katrin Meyberg lebt in Berlin und ist seit 2005 als audiovisuelle \u00dcbersetzerin mit den Arbeitssprachen Englisch, Franz\u00f6sisch und Chinesisch t\u00e4tig. Ihre Arbeit umfasst die Gewerke OmU-Untertitel, Voiceover-\u00dcbersetzung, \u00dcbersetzung f\u00fcr Synchron sowie Audiodeskription. Zudem erstellt und f\u00e4hrt sie \u00dcbertitel f\u00fcr Theaterh\u00e4user in Berlin. 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