{"id":312,"date":"2026-08-10T09:48:11","date_gmt":"2026-08-10T09:48:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/?p=312"},"modified":"2026-08-10T09:49:25","modified_gmt":"2026-08-10T09:49:25","slug":"auf-einen-kaffee-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/?p=312","title":{"rendered":"Auf einen Kaffee \u2026"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-right has-larger-font-size\"><br>\u2026 <strong>mit Katrin Posse<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" style=\"font-size:20px\"><br><strong>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Voiceover-Adaption und -Regie<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Katrin Posse hat in Bochum Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert, mit den Nebenf\u00e4chern Slavistik und osteurop\u00e4ische Geschichte. Sie ist seit 2013 Voiceover-Adapteurin und \u00fcbersetzt aus dem Englischen ins Deutsche, seit 2022 schreibt sie auch Synchronb\u00fccher. Sie ist au\u00dferdem Teil der &#8222;KinoEulen\u201c, einem Zwei-Frauen-Team, das seit 2015 regelm\u00e4\u00dfig internationale Kurzfilmprogramme f\u00fcr Kinder ab 4 Jahren im Kino und als Schul- und Kita-Vorstellung zusammenstellt. Katrin ist seit 2016 AV\u00dc-Mitglied und lebt in Essen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260414_160533-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-313\" srcset=\"https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260414_160533-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260414_160533-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260414_160533-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260414_160533-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260414_160533-676x507.jpg 676w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260414_160533.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie bist du zum audiovisuellen \u00dcbersetzen gekommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber Kontakte. Ich bin komplette Quereinsteigerin. Ich \u00fcbersetze aus dem Englischen ins Deutsche, und ich habe noch nicht mal Englisch studiert. Ich war aber schon immer ein Fan von Fantasy-Literatur. Und weil ich keine Lust hatte, bei mehrteiligen Werken auf die deutsche \u00dcbersetzung des n\u00e4chsten Bandes zu warten, habe ich ab der siebten oder achten Klasse angefangen, englische B\u00fccher zu lesen. Plus, ich war dann sehr nerdig und mit 15, 16 extrem gro\u00dfer Monty-Python-Fan. Und ich war schon immer sprachinteressiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einem Hindi-Kurs in Hamburg habe ich Gaby Gehlen kennengelernt, die Gr\u00fcndungsmitglied des AV\u00dc ist und ja viele von uns unter die Fittiche genommen hat. Und sie meinte, ich w\u00e4re doch gut mit Sprachen und ob ich nicht auch Lust h\u00e4tte auf das Film\u00fcbersetzen. Dazu kam, dass sie von einem kleinen K\u00f6lner Studio gro\u00dfe Voiceover-Paketauftr\u00e4ge f\u00fcr ganze Dokuserien bekommen hatte. Um das kurzfristig abarbeiten zu k\u00f6nnen, hat sie ein Team gegr\u00fcndet aus Leuten, die sie kannte. Und da hat sie mich dann dazugenommen. Sie hat dann, glaube ich, die ersten zwei, drei Sachen von mir lektoriert. Ziemlich streng, was v\u00f6llig okay war, denn ich hatte ja keine Ahnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war zu dem Zeitpunkt eh dabei, mich umzuorientieren. Und dann kam erst Gaby um die Ecke, und dann hab ich \u00fcber den Freund eines Freundes einen Job bei der Deutschen Bahn (Netz AG) im Einwendungsmanagement bekommen. Und dann habe ich beides parallel angefangen. Ich habe in Teilzeit bei der Bahn gearbeitet, was ich auch total spannend fand, und in der anderen Zeit audiovisuelle \u00dcbersetzungen gemacht. Bei der Bahn habe ich f\u00fcnf Jahre gearbeitet, dann habe ich mich wegbeworben, tats\u00e4chlich zu diesem kleinen K\u00f6lner Studio. Und dort habe ich dann anderthalb Jahre gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Also bei dem K\u00f6lner Studio, f\u00fcr das du deine ersten Projekte gemacht hast?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja. In der Zeit, als ich bei der Bahn angestellt war, habe ich praktisch nur f\u00fcr diesen Kunden gearbeitet. Dort habe ich mich also hinbeworben und dann sowohl \u00fcbersetzt als auch redaktionell gearbeitet, und ich war im direkten Kontakt mit den Auftraggebern des Studios, mit den Fernsehsendern. Irgendwann kam dann Corona, ich wurde entlassen und habe mich selbstst\u00e4ndig gemacht. Seitdem bin ich freiberufliche audiovisuelle \u00dcbersetzerin in Vollzeit. Ich habe einen Gr\u00fcndungszuschuss von der Agentur f\u00fcr Arbeit bekommen, den ich sehr empfehle. Und das Erste, was ich dann gemacht habe, war nat\u00fcrlich auf Akquise gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kommen wir nun zum Voiceover. Wie w\u00fcrdest du Voiceover, also das Gewerk, kurz und knapp beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich Leuten, die nichts mit der audiovisuellen Welt zu tun haben, meinen Job als audiovisuelle \u00dcbersetzerin f\u00fcr Voiceover beschreibe, dann sage ich: \u201eIhr kennt das aus dem Fernsehen. Das ist, wenn bei Dokus die Leute auf Deutsch so dr\u00fcber sprechen.\u201c \u2013 \u201eOh ja, das habe ich schon geh\u00f6rt. Und du sprichst das ein?\u201c \u2013 \u201eNein, ich spreche das nicht ein. Ich schreibe den Text, den dann Sprecher einsprechen.\u201c Und wenn noch ein bisschen Zeit ist, dann sage ich noch dazu, dass ich als Arbeitsmaterial sowohl das Video als auch den Text kriege, da die Leute oft denken, dass ich den abh\u00f6ren muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das w\u00e4re meine n\u00e4chste Frage gewesen. Wie sieht es aus mit Arbeitsmaterial? Also du kriegst immer ein Skript. Und nat\u00fcrlich das Bild.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja. Es gibt allerdings noch mehr. Beim Voiceover kann der Arbeitsumfang sehr unterschiedlich sein. Auf jeden Fall geh\u00f6rt die \u00dcbersetzung der Inserts mit dazu, also der im Bild als Text eingeblendeten Orts-, Zeit- oder Berufsangaben oder sonstige Infos. Wie zum Beispiel \u201eTempelanlage von Karnak, 1350 v. Chr.\u201c oder \u201eDr. Angela Smith, Arch\u00e4ologin, Universit\u00e4t Leiden\u201c. Die Kunden wollen au\u00dferdem meist eine Synopse haben, also einen Pressetext. Und manchmal mache ich Bildunterschriften f\u00fcr Pressebilder. Manchmal kriegst du noch Tabellen mit Angaben f\u00fcr den Abspann. Aber f\u00fcr die eigentliche Arbeit brauche ich nur Skript und Bild.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und wie gehst du vor, also wie ist der Arbeitsprozess? Irgendwie muss man ja schauen, dass der Text auf das Original passt. Z\u00e4hlst du da Silben, oder sprichst du dr\u00fcber?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich spreche dr\u00fcber, immer. Wenn etwas zu lang ist, und ich mir im Kopf eine Alternative \u00fcberlege, dann z\u00e4hle ich manchmal die Silben. Meine Kunden kriegen in den allermeisten F\u00e4llen ein deutsches Skript in Tabellenform von mir, entweder eine Excel- oder eine Word-Datei. Denn der Text wird in kurze Takes unterteilt. Das mache ich meistens selber. Es gibt sicher auch Kunden, die einem Takes vorgeben, aber bei meinen Projekten mach ich das. Die Takes kriegen dann immer einen Anfangstimecode, damit man den Text dem Video zuordnen kann, wobei einige Kunden auch einen Endtimecode wollen. Die Regel beim Voiceover ist, dass du m\u00f6glichst vorne und hinten den Originalton freistehen lassen solltest. Das hei\u00dft, der deutsche Text ist k\u00fcrzer als das Original, damit du hinten und vorne Pi mal Daumen drei Worte h\u00f6rst. Je nach Format geht das nicht immer. In der Tabelle steht neben dem Timecode der Sprecher oder die Rolle oder beides. Und dann kommt der deutsche Text, dann der englische Text und dann gibt es immer noch eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr Anmerkungen, entweder mit einer zus\u00e4tzlichen Spalte in der Tabelle oder mit Fu\u00df- und Endnoten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bekommt der Kunde also von mir geliefert. Plus den Pressetext und manchmal auch die Bildbeschreibungen. Ich hatte auch mal einen Kunden, der wollte, dass ich die Sprecher besetze. Im Vorfeld spricht man gegebenenfalls ab, was der Kunde genau will: Worauf legt er formal und stilistisch Wert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Voiceover-\u00dcbersetzungen gibt es ja vor allem, wie du ja vorhin schon gesagt hast, bei dokumentarischen Formaten&#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, haupts\u00e4chlich sind das Dokumentarfilme und -serien, aber auch Reality-Formate.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ah, stimmt. Und du machst beides?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ah, okay. Wie aufwendig ist die Recherchearbeit bei dokumentarischen Formaten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufwendig. So w\u00fcrde ich das mal in einem Wort zusammenfassen. Das ist auch vom Kunden abh\u00e4ngig. Das Minimum ist, dass du die Zahlen, Daten, Fakten checkst. Nehmen wir eine True-Crime-Doku, in der es hei\u00dft: \u201eDer Mann wurde am 26. August 1985 um 10 Uhr morgens ermordet\u201c. Dann musst du gucken, ob du das irgendwo findest. Du kannst dann hinschreiben: \u201eJa, das Datum ist best\u00e4tigt, aber die Uhrzeit habe ich jetzt nicht gefunden.\u201c Das ist dann okay, aber du musst es anrecherchieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Du kannst dich also nicht auf das verlassen, was in der Doku behauptet wird?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist unterschiedlich. Man bekommt ein Gef\u00fchl daf\u00fcr. Wenn du eine Doku hast, bei der schon der erste Fakt falsch ist, dann gehen deine Alarmglocken an. Und nat\u00fcrlich musst du die Fachbegriffe recherchieren, du musst dich ins Thema einarbeiten. Ich habe Lieblingsthemen, und ich habe Hassthemen. Schlimm ist f\u00fcr mich alles, was mit Geologie zu tun hat. Ganz furchtbar. Aber wenn dann in der Doku irgendein Experte erkl\u00e4rt, wie Australien entstanden ist, musst du das nat\u00fcrlich korrekt wiedergeben. Und dazu musst du in Grundz\u00fcgen verstehen, wie dieser Kontinent entstanden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das mit den Hassthemen kenne ich. Ich bin tendenziell schwach in Naturwissenschaften, ganz besonders in Physik. Ich hab mal eine Tierdoku bearbeitet, aber eigentlich ging es um Optik. Und ich bin so geschwommen, egal wie sehr ich die deutschen Begriffe recherchiert habe.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erz\u00e4hle gerne von einer meiner allerersten Dokus. Das war eine BBC-Doku namens \u201eMy Brother the Terrorist\u201c, das ist jetzt schon Jahre her. Darin ging es um den Dschihad. Klar wei\u00df ich, was der Dschihad ist, aber wie benutze ich das in einem Satz? Sag ich: \u201eIch k\u00e4mpfe im Dschihad?\u201c, \u201eIch ziehe in den Dschihad?\u201c, und so weiter. Und seitdem erz\u00e4hle ich immer, dass ich sicher auf irgendeiner Watchlist gelandet bin, weil ich das wie bl\u00f6d gegoogelt habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich habe ich Spa\u00df an der Recherche, aber bei mir besteht oft die Gefahr, dass ich mich verzettle, weil ich mehr lese, als ich muss. Es gibt aber auch F\u00e4lle, wo die Recherche einfach \u00fcberhandnimmt. Zum Beispiel bei Wissenschaftsdokus. Da k\u00f6nnen in einer Folge f\u00fcnf verschiedene Themen vorkommen. Ich hatte mal eine, da ging es unter anderem um komische Quallen, Spatzen, die Fledermaushirne a\u00dfen und explodierende Felsen. Dann musst du f\u00fcr 45 Minuten f\u00fcnf<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">verschiedenen Themen anrecherchieren. Oder bei historischen Projekten. Manchmal bin ich mindestens einen Tag lang nur mit Recherche besch\u00e4ftigt. Ich habe gerade ein Dokument abgegeben, das 70 Fu\u00dfnoten umfasst. Und die meisten Fu\u00dfnoten bestehen aus mindestens zwei Links.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Krass! War es wenigstens inhaltlich interessant f\u00fcr dich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei dem Projekt ging es um Alexander den Gro\u00dfen, das fand ich tats\u00e4chlich inhaltlich total spannend. Ich mache viel zu antiker oder ganz weit zur\u00fcckliegender Geschichte, z.B. \u00c4gypten. Bei diesen Themen ist die Recherche immer sehr aufwendig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und wird die Recherchezeit extra bezahlt? Wie wirst du \u00fcberhaupt bezahlt? Per Zeichen? Per Zeile?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich werde pauschal bezahlt oder nach Minute. Und der Preis deckt dann alles ab. Das hei\u00dft, er beinhaltet auch die \u00dcbersetzung des PR-Materials und die Recherche. Und manchmal auch das K\u00fcrzen. Es gibt Kunden, die sagen: Die Folgen sind 50 Minuten lang, ich brauch 45. \u00dcberleg mal, wo du k\u00fcrzen kannst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Du sollst dir \u00fcberlegen, wie die Kunden ihre Doku k\u00fcrzen k\u00f6nnen, und das wird ebenfalls nicht extra bezahlt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, das ist immer pauschal mit abgedeckt. Aber der Pauschalpreis ist je nach Umfang der Arbeit auch mal h\u00f6her oder niedriger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und wird der Text, den du ablieferst, nochmal \u00fcberarbeitet, oder kommt der dann genau so in die Doku?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist unterschiedlich. Meine Auftraggeber sind nicht die Fernsehsender oder die Streamingdienste, sondern die Studios oder Synchronfirmen, die in deren Auftrag deutsche Fassungen erstellen. Und dort wird der Text in den allermeisten F\u00e4llen nochmal gegengelesen, bevor es in die Aufnahme geht. Ich wei\u00df von Projekten, da sind auch Redakteure zwischengeschaltet. Und da ich als Quereinsteigerin in einem Team angefangen habe und auch so angelernt wurde, arbeite ich oft in einem Kreis von Kolleginnen, die sich gegenseitig lektorieren. Das ist unbezahlt. Manche finden das unn\u00f6tig, aber ich habe das so gelernt und f\u00fchle mich ganz komisch, wenn ich meine Texte abgebe, und es hat vorher niemand mehr dr\u00fcbergeguckt. Und es macht auch Spa\u00df. Ich finde, der Beruf ist sonst eher einsam. Ich wei\u00df, es gibt viele Kollegen, die lieben es, v\u00f6llig allein zu arbeiten, aber so ticke ich nicht. Ich brauche auch mal den Austausch und will dann jemanden anrufen und sagen: \u201eBoah, ich habe die Schnauze voll von Riesen-Wetas und ihrem Sozialverhalten. Ich finde da keine Belege mehr zu.\u201c Zwischendurch bei einem Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ja, geht mir \u00e4hnlich. Ich muss ganz, ganz selten etwas unlektoriert abgeben. Aber ich f\u00fchle mich dann immer wie nackt. Also so komplett ungesch\u00fctzt. Denn nat\u00fcrlich passieren einem Fehler, nat\u00fcrlich gibt es unrunde Formulierungen oder \u00dcbersetzungen, die holprig klingen, weil man auf dem Schlauch gestanden hat oder so. Zudem hat die Lektorin einfach einen frischen Blick, und man selbst sieht ja manchmal den Wald vor lauter B\u00e4umen nicht mehr.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, genau! Am Ende k\u00f6nnen auch im Studio noch Sachen ver\u00e4ndert werden. Das hei\u00dft also, dass \u00fcber die Texte manchmal bis zu viermal dr\u00fcbergegangen wird. Aber das macht sie dann auch richtig gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wo du das Studio ansprichst \u2013 du machst ja auch Voiceover-Regie. Was ist das genau f\u00fcr eine Arbeit, und wie geht sie vonstatten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gehe ins Tonstudio. Ich sitze auf der einen Seite der Glasscheibe mit dem Tontechniker, und auf der anderen sitzt der Sprecher. Und der hat das Skript, den deutschen Text. Mal sieht er den ganzen Text, mal sieht er nur seine Rolle. Er muss dann seinen Text einsprechen, und du nimmst es ab. Meine Aufgabe ist es, darauf zu achten: Wird jeder Take aufgenommen? Haben wir einen Take vergessen? Das klingt simpel, aber du machst das zack-zack w\u00e4hrend der Aufnahme. Im Studio muss es immer m\u00f6glichst schnell gehen. Daher verstehe ich auch nicht, weshalb Kunden an den Texten sparen, denn wenn du mit einem schlechten Text ins Studio gehst, brauchst du viel l\u00e4nger, und es wird teurer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Du hast also die M\u00f6glichkeit, den Text gleich abzu\u00e4ndern, wenn ihr zum Beispiel merkt, da stolpert jemand oder es klingt nicht rund?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, oder es f\u00e4llt jemandem was auf. Wir sitzen da eigentlich immer mindestens zu dritt, und wenn jemand sagt, \u201eHei\u00dft das nicht so und so?\u201c, dann bist du die Sprachexpertin und musst entweder sagen: \u201eNee, das ist schon korrekt so\u201c, oder: \u201eDu hast recht, wir m\u00fcssen es doch nochmal \u00e4ndern.\u201c Zudem musst du auf die Aussprache achten und darauf, dass sie gerade bei l\u00e4ngeren Projekten \u00fcberall gleich ist. Das klingt simpel, ist es aber nicht. Man kann auch \u00fcber einfache Namen stolpern: hei\u00dft es zum Beispiel \u201eJulia\u201c oder \u201eDschulia\u201c? Und du bist diejenige mit dem \u00dcberblick \u00fcber den Text. Den haben weder der Tontechniker noch der Sprecher, denn der bereitet sich nur auf seinen Text vor. Und das ist wichtig bei Anschl\u00fcssen. Du musst wissen, worauf sich etwas bezieht. Wenn irgendwas beispielsweise zum ersten Mal vorkommt, dann wird es anders betont, als wenn es gerade im Take vorher schon erw\u00e4hnt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ton ist bei dokumentarischen Formaten im Deutschen eher sachlich im Vergleich zum englischen oder franz\u00f6sischen Original. Das hei\u00dft, du musst immer downgraden, es ist immer weniger bombastisch. Aber ich hatte zum Beispiel mal eine BBC-Doku, bei der quasi aus der Perspektive der Tiere erz\u00e4hlt wurde, und das war alles ein bisschen poetischer angelegt. In so einem Fall darfst du dem Sprecher auch mal sagen: \u201eJetzt hau da mal einen raus, und gib mehr Emotionen.\u201c Bei dokumentarischen Formaten passiert das selten, bei Reality-Formaten schon eher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ah, okay, da kann dann mehr eine \u201eRolle\u201c eingenommen werden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja. Den Ton treffen gute Sprecher in der Regel, sie erfassen sofort, ob da jemand w\u00fctend, sauer oder traurig ist. Und wenn du mehr oder weniger haben willst, greifst du ein. Gerade habe ich eine Phase, in der ich viele lange Recherchen gemacht habe und mal wieder Lust auf Reality-Formate habe. Es schreibt sich anders, du hast mehr Freiheiten, es ist mehr Spiel. In Reality-Formaten musst du den Text noch viel st\u00e4rker k\u00fcrzen als in Dokus, es grenzt mehr an den fiktiven Bereich an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zum Abschluss noch eine Frage: Was war dein Lieblingsprojekt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Lieblingsprojekte haben soziale Themen. Ich habe mal eine ganz spannende Doku \u00fcber Traveller in Gro\u00dfbritannien bearbeitet. Ein weiteres spannendes Projekt war eine Doku \u00fcber die Opioid-Krise in Amerika. Das sind Themen, die mich inhaltlich interessieren. Es ist auch sprachlich eine Herausforderung, den realen Menschen in diesen Dokumentationen gerecht zu werden. Und ich liebe es, Gedichte zu \u00fcbersetzen. Ich freue mich immer, wenn das mal im Rahmen einer Doku vorkommt. Da sitze ich dann auch mal einen ganzen Tag an einem Gedicht. Das ist nat\u00fcrlich finanziell null abgedeckt, aber &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Aber du gehst mit einem zufriedenen L\u00e4cheln ins Bett.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Total!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><br>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Sonja Majumder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 mit Katrin Posse Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Voiceover-Adaption und -Regie Katrin Posse hat in Bochum Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert, mit den Nebenf\u00e4chern Slavistik und osteurop\u00e4ische Geschichte. 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