{"id":308,"date":"2026-07-24T17:36:54","date_gmt":"2026-07-24T17:36:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/?p=308"},"modified":"2026-07-24T17:36:54","modified_gmt":"2026-07-24T17:36:54","slug":"auf-einen-kaffee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.avue-ev.de\/?p=308","title":{"rendered":"Auf einen Kaffee \u2026"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-right has-accent-color has-text-color has-link-color has-larger-font-size wp-elements-10dff629bac19e42ed29141798a2e0c6\"><br>\u2026 <strong>mit Gaby Gehlen<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" style=\"font-size:20px\"><br><strong>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Br\u00fccken\u00fcbersetzungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Gaby Gehlen hat an der ehemaligen FH K\u00f6ln Dolmetschen\/\u00dcbersetzen studiert und ist seit 2000 audiovisuelle \u00dcbersetzerin mit den Hauptgewerken OmU-Untertitelung und \u00dcbersetzung f\u00fcr Synchron. Ihre Arbeitssprachen sind Englisch, Franz\u00f6sisch und Hindi. Gaby ist AV\u00dc-Gr\u00fcndungsmitglied und war von 2016-2022 1. Vorsitzende unseres Verbands. Sie lebt in K\u00f6ln.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260716_Gaby-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-309\" srcset=\"https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260716_Gaby-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260716_Gaby-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260716_Gaby-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260716_Gaby-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260716_Gaby-676x507.jpg 676w, https:\/\/blog.avue-ev.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260716_Gaby.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><br>Gaby in einem Still aus \u201egut zusammen leben \u2013 willkommenskultur in k\u00f6ln\u201c<br>\u00a9 K\u00f6lner Freiwilligen Agentur<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Liebe Gaby, zun\u00e4chst die Frage nach dem Werdegang. Wie bist du zum audiovisuellen \u00dcbersetzen gekommen? War das ein Zufall oder gezielt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war schon gezielt. Ich habe mich schon sehr f\u00fcr Film interessiert, bevor ich \u00fcberhaupt angefangen habe, \u00dcbersetzen zu studieren. Kino war immer mein Ding. Aber ich wollte eigentlich gar nicht \u00dcbersetzerin, sondern Dolmetscherin werden. Das war mein Ziel, und das bin ich auch geworden &#8211; Diplom-Dolmetscherin. Aber ich hatte das Gl\u00fcck, dass es bei uns einen Dozenten gab, der f\u00fcr den WDR untertitelt hat. Den habe ich dann als Betreuer f\u00fcr meine Diplomarbeit gewinnen k\u00f6nnen. Mein Thema war der Vergleich von Untertitelung und Synchronfassung anhand eines Filmausschnitts aus \u201eThe Crying Game\u201c von Neil Jordan. Es gab damals nicht viel Literatur zum Thema, im Grunde nur ein Buch, \u201eSubtitling for the media: a handbook of an art\u201c von Jan Ivarsson. Die ganze Untertitel-Expertise kam ja aus Skandinavien. Und dann gab es dieses Buch \u00fcber Synchronisation, das alle kennen, \u201eTheorie und Praxis der Synchronisation\u201c. Ansonsten war da wenig, es gab ja noch kein Internet. Ich habe in dem Ivarsson-Buch dann die Regeln nachgeguckt, also, wie viel Abstand zwischen den Untertiteln sein muss und so weiter. Ich hatte einen Videorekorder mit Jog-Shuttle und bin so an die ungef\u00e4hren Timecodes gekommen. Dann habe ich einen Ausschnitt des Films untertitelt und danach eine Lippensynchron-Fassung erstellt. Mir ging es in der Arbeit darum, den Unterschied aufzuzeigen, also die Originaltreue beim Untertiteln und was bei der Synchronfassung alles so unter den Tisch fallen muss aufgrund der Lippensynchronit\u00e4t. Nicht nur das war ein Grund daf\u00fcr, dass mir das Untertiteln besser gefallen hat, es kommt auch dem Dolmetschen n\u00e4her \u2013 sinnvoll zusammenfassen und k\u00fcrzen, aber dem Original treu bleiben, denn das ist f\u00fcr alle h\u00f6rbar. Das war meine allererste Arbeit auf einem Computer, geschrieben auf dem Ger\u00e4t, das sich meine Mitbewohnerin kurz vorher gekauft hatte. Und sie war auch ziemlich umfangreich f\u00fcr eine FH-Arbeit. Die hatte, glaube ich, 120 Seiten, das war so das Maximum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und hast du dann direkt nach dem Studium angefangen mit der Untertitelung oder \u00dcbersetzung f\u00fcr Synchron?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nee, gar nicht. Ich habe mich nat\u00fcrlich mit dieser Diplomarbeit beworben, als Untertitlerin. Ich habe es erst beim WDR versucht, aber die brauchten niemanden. Dann habe ich mich bei Film &amp; Video Gerhard Lehmann beworben, weil die Firma hier bei mir in der Gegend war. Aber da hatte ich auch keine Chance. Das war damals, also Mitte der 90er, n\u00e4mlich ein wirklich sehr umk\u00e4mpftes, sehr elit\u00e4res Arbeitsfeld, und die Firmen hatten Angst, dass man ihnen irgendwie ihr Know-how klaut. Zu dem Zeitpunkt konnten noch nicht so viele Leute untertiteln, und es gab auch nicht viele Untertitelagenturen. Ich bin also erst mal gar nicht in die Branche reingekommen. Aber ich hatte schon Anfang der 1990er Jahre angefangen, f\u00fcr die Feminale in K\u00f6ln und sp\u00e4ter auch f\u00fcr die Kurzfilmtage Oberhausen zu arbeiten, hab Katalog\u00fcbersetzung gemacht, Filmgespr\u00e4che gedolmetscht und Filme eingesprochen. Ich war also schon ein bisschen drin in dem Bereich, und ich wollte unbedingt rein in die Branche. Aber ich hab dann nat\u00fcrlich erst mal andere Sachen gemacht, ein Kochbuch und einen Kunstband \u00fcbersetzt und tats\u00e4chlich auch zusammen mit Kolleginnen, die f\u00fcr eine \u00dcbersetzungsagentur im IT-Bereich gearbeitet haben, ein Videospiel \u00fcbersetzt. Aber ich wollte unbedingt mit Film arbeiten und hab dann 1998 oder 1999 eine Fortbildung in Germersheim zum Thema Untertitelung und Synchron gemacht und dort Bettina [Anm.: Bettina Artl, 1. Vorsitzende des AV\u00dc von 2022-2026] kennengelernt. \u00dcber sie bin ich dann doch noch zu Lehmann gekommen. Neben Bettina haben auch Frank Sahlberger und Andrea Kirchhartz [Anm.: ebenfalls AV\u00dc-Mitglieder] dort gearbeitet. Wir geh\u00f6ren also quasi alle zur selben Generation von Untertitler*innen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Lehmann-Generation!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau. Ich habe damals vor Ort arbeiten m\u00fcssen, denn selbst im Jahr 2000 war das alles noch sehr Hardware-intensiv. Man brauchte einen Computermonitor und einen speziellen DOS-Rechner. Und dann noch einen speziellen Videorekorder, bei dem du mit dem Jog-Shuttle den Film Bild f\u00fcr Bild vor- und zur\u00fccklaufen und dabei den Ton h\u00f6ren konntest. Damit habe ich gelernt, wirklich bildgenau zu spotten. Aber das musste man sich zun\u00e4chst im Kopf ausmalen, denn die Untertitel und das Bild waren nicht auf demselben Monitor. Von den lektorierten Untertiteln wurde dann eine Simulation auf VHS erstellt. Und die habe ich mir immer angesehen, bei jedem Film. Und oft bin ich auch die Korrekturen noch mit meinen Lektorinnen durchgegangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hei\u00dft das, ihr hattet zwei separate Monitore?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, ich hatte einen riesigen Schreibtisch, so eine richtige Workstation mit Videorekorder, Monitor, Videomonitor, Computer. Das war schon auch eine harte Schule, aber man hat das Untertiteln damit einfach gut gelernt. So bin ich also zum audiovisuellen \u00dcbersetzen gekommen. Das hat mir einfach total Spa\u00df gemacht, aber vor allem das Untertiteln und das Handwerkliche daran. Ich bin gar nicht so technikaffin, aber das Handwerkliche und das Ganzheitliche, also alles selber machen und entscheiden zu k\u00f6nnen, das fand ich super.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kommen wir jetzt zum Thema Br\u00fccken\u00fcbersetzung, also der \u00dcbersetzung \u00fcber das Englische statt direkt aus dem Original, womit du sehr viel Erfahrung hast. Du bekommst ja bis heute immer mal wieder Filme auf den Tisch, vor allem aus dem asiatischen Kino, deren Sprachen du nicht kannst und f\u00fcr die du auch keine*n Untertitler*in kennst.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine erste Erfahrung mit einer Br\u00fccken\u00fcbersetzung war ein Hindi-Film. Das war \u201eKabhi Khushi Kabhie Gham\u201c, der allererste Hindi-Film, den ich bewusst gesehen habe. Als mir der Film angeboten wurde, habe ich nat\u00fcrlich gefragt, wie das denn gehen soll, wo ich doch gar kein Hindi kann. Aber da die Agentur niemanden gefunden hatte, der direkt aus dem Hindi untertiteln konnte, habe ich mich breitschlagen lassen. Allerdings nur, weil es einen hindisprachigen Lektor gab, der meine \u00dcbersetzung am Ende \u00fcberpr\u00fcft hat und auch das Spotting, also, ob die \u00dcbersetzung auch an der richtigen Stelle kam. Von der Agentur war das damals sogar vorgeschrieben: Wenn es niemanden gibt, der aus der Originalsprache untertiteln kann, dann muss eine muttersprachliche Lektorin oder ein Lektor mit an Bord sein. Das hat mich beruhigt, und die Zusammenarbeit hat dann auch recht gut geklappt. Ich hatte eine Dialogliste auf Hindi und Englisch, damals noch auf Papier, ein riesiger W\u00e4lzer. Und ich glaube, es gab englische Untertitel im Bild. Nach diesem ersten Hindi-Film kam noch einer und dann noch einer. Und obwohl mir das Untertiteln der Hindi-Filme einen Riesenspa\u00df gemacht hat, fand ich die \u00dcbersetzung \u00fcber Br\u00fccke irgendwann ziemlich unbefriedigend, weil ich nach und nach gemerkt habe, wie unpr\u00e4zise das Englische ist. Englisch ist einfach viel zu unkonkret und daher die denkbar ungeeignetste Br\u00fcckensprache. Deutsch ist eine sehr konkrete Sprache. Und dann hast du so eine Sprache wie Hindi, die ebenfalls sehr konkret ist und auch diese ganzen unterschiedlichen Levels von H\u00f6flichkeiten hat. Als klar war, dass die Hindikino-Welle, diese Bollywood-Welle, weitergeht, habe ich mir \u00fcberlegt, dass ich die Sprache lernen muss, wenn ich das weitermachen will. Br\u00fccken\u00fcbersetzungen sind einfach problematisch. Deshalb mache ich das nur noch, wenn ich f\u00fcr eine Sprache wirklich keine Untertitlerin oder keinen Untertitler finde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was sind denn deiner Meinung nach bei einer Br\u00fccken\u00fcbersetzung die gr\u00f6\u00dften Fallstricke, oder was findest du daran am schwierigsten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie schon erw\u00e4hnt bringt die Tatsache, dass Englisch eine so unkonkrete Sprache ist, Probleme auf der sprachlichen Ebene mit sich, wenn das die Br\u00fcckensprache ist und du die Originalsprache gar nicht beherrschst. Dann musst du nat\u00fcrlich unter anderem st\u00e4ndig entscheiden, wie die Personen sich ansprechen. Zudem verflacht der deutsche Text dann fast zwangsl\u00e4ufig: Wenn man das Original nicht versteht und etwas auf Englisch alles M\u00f6gliche hei\u00dfen kann, dann muss die deutsche \u00dcbersetzung eigentlich auch alles M\u00f6gliche hei\u00dfen k\u00f6nnen. Und damit wird es so wischiwaschi, und es geht einfach viel verloren. Au\u00dferdem besteht die Gefahr eines \u201eStille-Post\u201c-Effekts, und du hast immer Angst, du interpretierst oder verstehst etwas falsch, oder es entgeht dir etwas, was Leute, die die Sprache k\u00f6nnen, nat\u00fcrlich mitbekommen. Das ist unbefriedigend, und ich finde auch, es wird einem Film einfach nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann gibt es ja auch noch den ganzen kulturellen Kontext, der wahnsinnig wichtig ist. Gesellschaftliche Strukturen, Hierarchien, religi\u00f6se Aspekte und so weiter. Und wenn man diesen Kontext nicht kennt oder versteht, brauchst du mindestens die Sprache, die ihn dir vermittelt. Und im Fall der Hindi-Filme kannte ich weder die Sprache noch den kulturellen Kontext, weil ich mich vorher nie f\u00fcr Indien interessiert hatte. Den konnte mir zum Gl\u00fcck dann mein Lektor vermitteln, Devindra Kohli, ein Anglistik-Professor, der schon lange in Deutschland lebt und auch ein gro\u00dfer Fan des Hindi-Kinos ist. Es war wichtig, jemanden zu haben, der sich auch damit gut auskennt. Gerade bei diesem Kino gibt es so vieles, was man sonst nicht versteht oder mitbekommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zitate, Referenzen \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, genau. Filmzitate ohne Ende. Aber auch die Songs, ich habe ja auch die Lieder \u00fcbersetzt. Das habe ich geliebt, aber es war sehr schwierig, weil es sich bei den Liedtextern mitunter um bekannte Dichter handelt. Und dann hatte man da so verk\u00fcrzte oder auch sehr freie englische \u00dcbersetzungen. Ich war froh, als ich irgendwann so ein bisschen mehr Hintergrund hatte, um das alles besser beurteilen zu k\u00f6nnen. Aber ich habe trotzdem immer mit Hindi-Lektor*innen weitergearbeitet, weil ich diesen kulturellen Background einfach nicht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wenn du mit Sprachlektor*innen arbeitest, was m\u00fcssen die mitbringen? Worauf achtest du, beziehungsweise was sind deine Anforderungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im besten Falle sind sie selber \u00dcbersetzer*innen, so dass sie zumindest wissen, was wichtig ist. Es geht ja nicht darum, eine 1 zu 1 \u00dcbersetzung zu haben, daher macht eine \u00dcbersetzungserfahrung auf jeden Fall Sinn. Ich habe auch schon mit Leuten gearbeitet, die keine Erfahrung mit \u00dcbersetzen hatten, weil ich einfach niemand anderen f\u00fcr ein bestimmte Sprache gefunden habe. Aber das war immer sehr anstrengend und wahnsinnig zeitaufwendig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hast du also immer, wenn du eine Br\u00fccken\u00fcbersetzung gemacht hast, mit jemandem zusammengearbeitet, der das im Nachhinein lektoriert hat?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht immer. Ich hab mal einen Film aus Laos bearbeitet. Da war einfach niemand zu finden, der ein Sprachlektorat h\u00e4tte machen konnte. Aber weil der Regisseur selbst die englischen Untertitel abgenommen hatte und auch englischer Muttersprachler war, hat mein Auftraggeber gemeint, ich solle mich einfach darauf verlassen, dass es so stimmt. Als erfahrene Untertitlerin merkt man zwar meistens, wenn die Br\u00fccken-UT nicht gut sind. Aber gut f\u00fchlt man sich dabei trotzdem nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie findest du denn Sprachlektor*innen, wenn du welche brauchst? Wie gehst du da vor?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist oft nicht so einfach. Selbst wenn man eine*n \u00dcbersetzerkolleg*in mit der passenden Sprachkombination gefunden hat, hei\u00dft das noch nicht, dass die Person versteht, worauf es bei einer Film\u00fcbersetzung ankommt, weil sie vielleicht vor allem juristische Texte \u00fcbersetzt oder technische \u00dcbersetzungen macht. Manchmal hat man Gl\u00fcck. Ich habe zuletzt einen pal\u00e4stinensischen Film untertitelt, der im Original auf Arabisch war. Ich hatte eine Person gefunden, die das Sprachlektorat \u00fcbernehmen wollte, aber sie ist mir im letzten Moment abgesprungen. Ich habe dann im Internet recherchiert und dann tats\u00e4chlich eine Autorin gefunden, eine Deutsche, die mehrere B\u00fccher \u00fcbersetzt hatte aus dem Arabischen. Die habe ich einfach angerufen, allerdings war sie schon pensioniert und arbeitete nicht mehr. Doch sie kannte eine pal\u00e4stinensische Frau, die schon \u00f6fter mit Film zu tun hatte. Und sie hat das Lektorat dann \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe auch oft in Zusammenarbeit mit Kolleginnen versucht, \u00fcber Unis und bestimmte Studieng\u00e4nge Lektor*innen zu finden. \u00dcber die Indologie der Uni K\u00f6ln habe ich z.B. mal eine Sprachlektorin f\u00fcr Tamil gefunden, \u00fcber die Uni Hamburg einen Lektor f\u00fcr Tagalog. Vor ein paar Jahren hatte ich von einem Verleih, f\u00fcr den ich viel arbeite, eine Anfrage f\u00fcr einem Film erhalten, der auf Englisch, Franz\u00f6sisch und Koreanisch war &#8211; \u201eReturn to Seoul\u201c, ein toller Film. Und da habe ich dann nach einer Sprachlektorin f\u00fcr Koreanisch gesucht und sie \u00fcber die Koreanistik der Uni Hamburg gefunden \u2013 das war Louena Orbista [Anm: mittlerweile auch AV\u00dc-Mitglied]. Und das war wirklich ein Gl\u00fccksfall, weil sie ein Riesentalent ist, sehr filmaffin, und richtig Spa\u00df an dem Job hatte. Die Zusammenarbeit war toll, und wir haben sie dann ausgebildet, so dass es jetzt eine Untertitlerin gibt, die direkt aus dem Koreanischen \u00fcbersetzen kann. Der Markt f\u00fcr koreanische Serien und Filme w\u00e4chst ja. Au\u00dferdem kann sie nicht nur Koreanisch, sondern auch Tagalog, was auch ein gro\u00dfes Gl\u00fcck ist, da philippinische Filme auch \u00f6fter meines Weges kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie genau gestaltet sich denn eine Zusammenarbeit mit einem Sprachlektor oder mit einer Sprachlektorin?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erstelle die Br\u00fccken\u00fcbersetzung aus dem Englischen, und merke dann aber auch meistens schon, wenn irgendwas schief ist, wenn sich was komisch anh\u00f6rt, ich ein Sprachbild oder eine Redewendung nicht verstehe oder denke: Oh, okay, was haben die f\u00fcr ein Verh\u00e4ltnis zueinander? Wie reden die sich jetzt an? Ich mache dann Kommentare oder Vermerke f\u00fcr die Lektorin oder den Lektor, gebe die Untertitel dann der Person zum Lektorat und bespreche am Ende nochmal die f\u00fcr mich unklaren Stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Besprichst du das mit der Person direkt? Also kommt die Lektorin dann zu dir, setzt sich neben dich und du gibst Korrekturen usw. direkt ein und besprichst Unklarheiten an Ort und Stelle?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da es eh schon schwierig ist, \u00fcberhaupt Leute zu finden, ist es noch schwieriger, jemanden in der gleichen Stadt zu finden. Und mit dem, was man dabei verdient, kann man auch nicht durch die Republik fliegen. Deswegen ist es so, dass ich dann nat\u00fcrlich meinen Kunden frage, ob ich meinem Lektor oder meiner Lektorin den Film schicken darf. Und die Lektor*innen wissen nat\u00fcrlich, dass sie Verschwiegenheit dar\u00fcber bewahren m\u00fcssen, dass sie ihn nicht weitergeben d\u00fcrfen etc. Vertrauen ist sehr wichtig bei so einer Zusammenarbeit. Ich schicke der Lektorin dann die Untertiteldatei, so dass sie die Untertitel mit dem Film angucken kann, und dann noch ein Excel-Sheet oder ein Word-Dokument. Im Idealfall auch das Originalskript, wenn man es denn hat. Aber oft wei\u00df man nicht, wie gut oder komplett das ist. Die Lektor*innen machen ihre Korrekturen in dem Word-Dokument oder der Excel-Datei, ich \u00fcbertrage sie dann und frage nach, wo ich nicht sicher bin, was es bedeutet. Das ist sehr aufw\u00e4ndig, und ich kriege das auch nicht extra bezahlt. Ich bezahle die Lektor*innen aus eigener Tasche. Aber mir ist das eben wichtig. Ich mache meine Arbeit mit viel Herzblut und m\u00f6chte keinen Film rausgeben und sagen: \u201eNa ja, wird schon irgendwie stimmen.\u201c Und zum Schluss schreibe ich ihre Namen auch mit in den Credit. Das ist mir schon allein deshalb wichtig, damit Kolleg*innen wissen, ich habe nicht einfach so eine Br\u00fccken\u00fcbersetzung gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Jetzt kommen wir schon zur letzten Frage, n\u00e4mlich der nach dem Lieblingsprojekt. Hast du eins, und wenn ja, warum ist es eines?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe tats\u00e4chlich ein Lieblingsprojekt, und zwar war das der Film \u201eHeaven\u201c von Tom Tykwer mit Cate Blanchett und Giovanni Ribisi. Den durfte ich untertiteln, aus dem Englischen und Italienischen. Ich kann ein wenig Italienisch, habe aber eine Kollegin noch mal dr\u00fcberschauen lassen, nicht zuletzt, weil da ein paar juristische Fachbegriffe vorkamen. Einer der Protagonisten ist n\u00e4mlich Polizeidolmetscher. Ich wei\u00df gar nicht mehr, wann der rausgekommen ist, ich glaube 2002. Das Beste an dieser Arbeit war, dass ich, glaube ich, vier oder f\u00fcnf Schnittfassungen auf dem Tisch hatte. Es war toll, den Entstehungsprozess des Films mitzubekommen. Man sieht Stellen, die findet man ein bisschen schwach, und in der n\u00e4chsten Fassung sind sie umgeschnitten, und dann funktionieren sie. Ich fand es \u00fcberhaupt nicht \u00e4rgerlich, dass ich dann nochmal an den Film ranmusste, sondern superspannend. Toll war auch, dass ich mit Tom Tykwer \u00fcber die Untertitel diskutieren konnte. Er hat die Untertitel bekommen, die Abnahme gemacht, mich angerufen, hat nachgefragt. Ich konnte ihm dann erkl\u00e4ren, warum ich das so gemacht habe und nicht anders, warum das meines Erachtens an der Stelle wichtig ist. Und er konnte sagen: \u201eNee, ich sehe das anders, das ist mir wichtig\u201c, und so weiter. Und schlie\u00dflich habe ich vor der Premiere des Films dann auch noch die PK dolmetschen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nat\u00fcrlich liegen mir die Hindi-Filme sehr am Herzen. An diese Arbeit hat sich so viel angekn\u00fcpft: Ich habe eine neue Sprache gelernt und mit ihr ganz tolle Menschen kennengelernt, und ich habe das Land bereist. Ich habe fast ein Jahr in Indien gelebt, um mein Hindi zu verbessern. Deswegen ist auch \u201eKabhi Khushi Kabhie Gham\u201c ein Lieblingsprojekt. Da spielt Shah Rukh Khan mit, also einer der gr\u00f6\u00dften Superstars des zeitgen\u00f6ssischen indischen Kinos, den habe ich zum ersten Mal in diesem Film gesehen. Und nachdem ich 20 Minuten untertitelt hatte \u2013 ein st\u00e4ndiges Vor-Zur\u00fcck-Vor-Zur\u00fcck-Spulen mit dem Jog-Shuttle, was ungef\u00e4hr vier oder f\u00fcnf Tage gedauert hat &#8211; war ich schockverliebt in Shah Rukh Khan! Diese ganzen schmachtenden Liebesszenen, die Lieder, das fand ich alles super. Und meine Tochter, die damals noch ganz klein war, sa\u00df dann auch am liebsten auf meinem Scho\u00df und hat zugeguckt und konnte nachher auch alle Lieder mittr\u00e4llern. Sie durfte dann auch mit ins Kino zur Premiere, da war sie drei oder vier. Das war ihr allererster Kinofilm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><br>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Sonja Majumder<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 mit Gaby Gehlen Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Br\u00fccken\u00fcbersetzungen Gaby Gehlen hat an der ehemaligen FH K\u00f6ln Dolmetschen\/\u00dcbersetzen studiert und ist seit 2000 audiovisuelle \u00dcbersetzerin mit den Hauptgewerken OmU-Untertitelung und \u00dcbersetzung f\u00fcr Synchron. Ihre Arbeitssprachen sind Englisch, Franz\u00f6sisch und Hindi. Gaby ist AV\u00dc-Gr\u00fcndungsmitglied und war von 2016-2022 1. Vorsitzende unseres Verbands. Sie lebt in K\u00f6ln. 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